EU will Flugdienstzeiten vereinheitlichen

Ein Nickerchen im Cockpit – Piloten schlagen Alarm

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Bei Starts und Landungen sind Piloten hochkonzentriert. Doch bei langen Flügen lässt die Konzentration nach, die Augen fallen oft zu.

Region Rhein-Main – Sekundenschlaf im Cockpit? Kam schon vor. Kleinere Fehler wegen Übermüdung? Ebenso. Das sagt ein Pilot – und steht damit nicht allein. Eine Umfrage der Vereinigung Cockpit hat schon im Herbst die Überlastung der Piloten gezeigt. Und die könnte jetzt zur Regel werden. Von Julia Renner

„Comment Response Document CRD to NPA 2010-14“ ist der sperrige Titel einer Gesetzesvorlage, die für Unmut unter Piloten sorgt – und das nicht nur am größten deutschen Flughafen in Frankfurt. Der Grund: Die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) will mit der Vorlage die Flugdienstzeiten der Piloten ausdehnen – gegen wissenschaftlichen Rat.

So sollen die Flugzeuglenker unter anderem künftig nachts bis zu elf Stunden fliegen dürfen statt bisher zehn. Auch sollen sie nach dem Willen der EASA bald tagsüber 16 Stunden am Stück fliegen. Bisher waren es 15. Mehr als 2800 Piloten hatte die Vereinigung Cockpit deshalb schon im Herbst befragt. Das Ergebnis war erschreckend: Mehr als ein Drittel gab an, in den vergangenen Jahren schon einmal im Cockpit eingeschlafen zu sein – und das ohne Absprache mit dem Kollegen. Fast die Hälfte sagte, das komme manchmal vor, bei 20 Prozent sogar oft. Sollten die Flugdienstzeiten noch verlängert werden, werden wohl künftiger noch häufiger Piloten im Cockpit einschlummern.

In kritischen Flugphasen wie bei Starts und Landungen passiere das nicht, sagt der Pilot, der am Flughafen Frankfurt stationiert ist und namentlich nicht genannt werden möchte. Bei Langstreckenflügen sei er aber auch schonmal in Sekundenschlaf gefallen, gesteht er. Das Problem der Übermüdung hat allerdings nichts mit der Lebensweise des Piloten zu tun. Wer nachts ans andere Ende der Welt fliegt, der müsste dort eigentlich den Tag über schlafen, um abends für den Rückflug wieder fit zu sein.

Wirtschaftliche Interessen im Vordergrund, nicht die Sicherheit

Da die innere Uhr aber in so kurzer Zeit nicht mit der Zeitverschiebung zurecht kommt, ist an einen ruhigen Schlaf kaum zu denken. Das bestätigt auch Jörg Handwerg, Sprecher der Vereinigung Cockpit und selbst auch Pilot: „Die Ruhezeiten bereiten Probleme.“ Wer eine Nacht durchgeflogen sei, brauche anschließend eine ganze Nacht, um das entstandene Defizit wieder auszugleichen. „Das ist in zig Studien nachgewiesen worden“, sagt Piloten-Sprecher Handwerg.

Probleme sieht er aber nicht nur bei besonders langen Flügen. Denn wer kurze Routen fliegt, muss oft besonders lange arbeiten. In bis zu 14 Stunden müssten Kurzstrecken-Piloten vier bis fünf Starts und Landungen absolvieren, die Pausen dazwischen sind kurz.

Was uns erbost ist, dass wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen und nicht die Sicherheit“, sagt Jörg Handwerg. Die Piloten fühlten sich hinters Licht geführt. Handwerg hat Angst vor „afrikanischen Verhältnissen“, sollte das neue Gesetz in Kraft treten. Deshalb müsse die Sicherheit an erster Stelle stehen, darauf müssten sich Passagiere verlassen können.

Der Deutsche Fliegerarztverband hat eine ganz klare Meinung zu einer möglichen Verlängerung der Flugdienstzeiten: „Von Seiten der Flugmedizin ist das bedenklich“, sagt Uwe Beiderwellen, Vizepräsident des Verbandes. Beiderwellen fragt sich, warum bei Bus- und Lkw-Fahrern so strenge Regelungen gelten und bei Piloten nicht.

Fakt ist laut dem Facharzt für Flugmedizin: Nach etwa zehn Stunden im Flieger steigt die Müdigkeit exponentiell an. „Zehn Stunden ist die magische Grenze“, sagt der Experte. Das hätten mehrere Studien auch bewiesen. Nach diesen zehn Stunden etwa würden die meisten Langstrecken-Piloten allerdings erst in die schwierigste Phase des Fluges kommen: Die Landung.

Die Deutsche Lufthansa, die größte deutsche Fluggesellschaft, hat trotz mehrfacher Anfragen keine Stellungnahme zu einer möglichen Änderung der Flugdienstzeiten abgegeben.

Weitere Infos online auf www.flugdienstzeiten.de

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