Neues Szeneviertel?

Frankfurter Bahnhofsviertel: Anwohner streiten ums Image

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Flo Maak (von rechts), Holger Priedemuth und Bernhard Unterholzner leben gerne im Bahnhofsviertel.

Frankfurt – Es ist dreckig, es riecht übel, es wimmelt von Junkies: Das Bahnhofsviertel. Umso mehr bemüht sich die Stadt verstärkt um ein neues Image. Bunt und kreativ, statt kriminell und problematisch. Die Meinungen der Anwohner sind geteilt. Von Angelika Pöppel

Die einen trauen sich nicht mehr auf die Straße, die anderen tolerieren den Dreck und die Probleme.

„Das Bahnhofsviertel ist nicht gefährlich, nur ein bisschen schmutzig“, sagt Flo Maak, Mitbegründer der Initiative „Nicht in unserem Namen“. Die Anwohner fürchten eine Verdrängung der Obdachlosen, Junkies und Prostituierten. „Wir sind nicht das Sprachrohr der Drogenkonsumenten“, sagt Holger Priedemuth von der Initiative. Aber die Junkies gebe es schon immer im Bahnhofsviertel, hier haben sie ihre Anlaufstellen, bekommen saubere Spritzen – „das muss sein“, sagt Priedemuth. Die Initiative reagiert auf den offenen Brief von 84 Anwohnern, die bereits im März mehr Sicherheit und Polizeipräsenz forderten. „Wir leiden unter dem unerträglich gewordenen Drogenkonsum im Frankfurter Bahnhofsviertel. Unsere Freunde hören auf uns zu besuchen, wir gehen ungern auf die Straße, fühlen uns unsicher und bedroht“, heißt es in dem Brief.

Ängste der Anwohner ernst nehmen

Flo Maak, Holger Priedemuth und Bernhard Unterholzner wohnen dagegen gerne in Bahnhofsnähe und verfechten mehr Toleranz. „Wenn man hier wohnt, wird man nunmal mit Elend konfrontiert“, sagt Maak. Sie fühlen sich sicher und wollen nicht noch mehr Polizei auf den Straßen. Marco Weller, Leiter des vierten Polizeireviers im Bahnhofsviertel, hat keine extreme Erhöhung der Straftaten festgestellt. „Dennoch muss man die Ängste der Anwohner ernst nehmen“, sagt Weller. Doch eine massive Polizeipräsenz vermittle oft das Gefühl, hier sei es besonders gefährlich. Außerdem könne es zu mehr Unruhe führen. Täglich sind bereits Polizisten, Zivilfahnder und Beamte von der Direktion Sonderdienst im Viertel unterwegs. Die Polizei spürt Dealer auf, löst Konflikte zwischen Junkies und sorgt dafür, dass sie sich nicht auf offener Straße einen Schuss setzen. Doch verschwinden lassen, können sie die Drogenabhängigen nicht.

Man kann Drogenkonsumenten nicht deportieren

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„Das sich der Zustand verschlimmert haben soll, ist kompletter Unsinn“, sagt auch Oskar Mahler von der Werkstatt Bahnhofsviertel. In der Werkstatt kommen unterschiedliche Vereine, Initiativen und die Drogenberatung zusammen. „Die Drogenkonsumenten sind da, aber sie sind harmlos. Man kann sie ja nicht deportieren“, sagt Mahler. Er schätzt die Frankfurter Politik: Hilfsbedürftige werden rund um den Bahnhof versorgt und von der Stadt geduldet. „Es ist kein schöner Anblick, gehört aber zur Großstadt dazu.“ So sehen es scheinbar auch die über 270 Frankfurter, die für die Gegeninitiative unterschrieben haben. „Wir können aus dem Bahnhofsviertel nie das Westend machen. Die Bewohner müssen hier toleranter sein“, sagt auch Wulfila Walter vom Planungsamt. Ziel sei es aber eine anderes Klientel, wie Studenten und Kreative in das Viertel zu locken. Viele neue Bars und Restaurants haben das bereits geschafft. Vom Problemviertel zum Szeneviertel – so wirbt die Stadt für die neue Entwicklung. Seit 2005 konnten 20 Prozent mehr Wohnungen geschaffen werden. Leerstehende Räume werden Künstlern zur Verfügung gestellt und Plätze verschönert. Schattenseite: „Es ist wahrscheinlich, dass durch die Aufwertung die Mieten an einigen Ecken steigen“, sagt Walter. Und das befürchtet auch Anwohner Priedemuth: „Günstig in der Stadt wohnen, war bisher nur hier möglich.“

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