Nur wer sehen kann, darf mitmachen

Neuer Personalausweis untauglich für Blinde

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Zumindest an alle die sehen können, wurde gedacht. Clemens Mickler, Leiter der Offenbacher Meldebehörde, mit einem Lesegerät für den neuen Personalausweis.

Region Rhein-Main – Dank technischer Hilfsmittel wird der Alltag für Blinde und Sehbehinderte deutlich erträglicher. Das verspricht auch der neue Personalausweis. Doch laut IT-Experte Heiko Folkerts ist der Ausweis für Blinde nicht von Vorteil. Von Dirk Beutel

Denn mit den digitalen Daten auf dem scheckkartengroßen Ausweis können Identität und Alter nachgewiesen und als digitale Unterschrift genutzt werden. Ein erheblicher Vorteil für Menschen, die nicht sehen können. Doch IT-Experte Heiko Folkerts wirft dem Innenministerium vor, bei der Entwicklung ausgerechnet nicht an Blinde gedacht zu haben.

Als es um die praktische Umsetzung der digitalen Nutzung des neuen Personalausweises ging, hatte wohl niemand Heiko Folkerts auf dem Zettel. Der blinde IT-Experte aus Braunschweig sagt: „Offenbar ist Artikel drei des Grundgesetzes – die Gleichberechtigung – selbst in das christlich soziale Gewissen des Innenministers nicht vorgedrungen.“ Sein Ärger: Der neue Personalausweis könnte für blinde Menschen oder Sehbehinderte eine echte Bereicherung sein. Doch davon ist er derzeit weit entfernt.

Kartenleser nutzt Blinden nicht

Dreh- und Angelpunkt zu den Funktionen ist zum einen ein Kartenleser. Auf dessen Display wird der Nutzer aufgefordert, seine PIN einzugeben oder den Ausweis einzulegen. Für einen Blinden ist nicht erkennbar, was wann das Gerät von einem möchte. Auch die dazugehörende Handy-App läuft nicht rund. Denn die funktioniert nur mit den speziellen Ein- und Ausgabefunktionen von Java, einer in Blindenkreisen verrufenen Programmiersprache.

Deshalb fordert IT-Experte Folkerts und der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband: Bessert endlich nach. „Das Innenministerium und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik haben den Ausbau zur Barrierefreiheit schleifen lassen. Es hat sich einfach niemand darum gekümmert. Und weil die Pläne dafür schon so lange einfach nur in Schubladen liegen, wird es Zeit, dass mal jemand auf den Tisch haut“, sagt Folkerts.

 

Behördenformulare gibt es nicht in Blindenschrift

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Hans-Karl Peter vom Referat Barrierefreiheit beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband kennt das Problem: „Fachleute arbeiten derzeit an einer Verbesserung, aber das kann sich noch eine Weile hinziehen. Dieses Jahr wird das nichts mehr.“ Auch der Verband hat ein großes Interesse daran, dass sowohl die Handy-App als auch das Kartenlesegerät für Blinde funktionieren. „Behördenformulare gibt es nicht in Blindenschrift. Das heißt, jedesmal, wenn ein blinder Mensch auf´s Amt muss, braucht er die Hilfe eines Sehenden, dem er auch vertraut. Schließlich werden bei solchen Abwicklungen nicht selten vertrauliche Informationen angegeben“, sagt Peter. Das gilt ebenso, für Formulare, die zwar bequem von zu Hause aus vom Rechner heruntergeladen und ausgedruckt werden können. Blinde können damit jedoch nichts anfangen.

Bis heute haben Blinde keinen Zugang, der von Behörden freigegeben wurde. „Wir stehen zwar insgesamt noch am Anfang, aber wir müssen jetzt die Voraussetzungen für die Zukunft schaffen. Denn es wird vielleicht in zehn oder 15 Jahren schon eine Generation blinder Menschen geben, die noch vernetzter, noch digitaler ist und viel mehr auf technische Innovationen setzt.“

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