Nachfrage wird immer größer

Desinfektions-Wahn! Wie gesund ist keimfrei im Alltag?

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Die Angst vor Keimen geht in der Region um. Kinder werden mit kleinen Sprühflasche in die Schule geschickt. Das Sortiment der Desinfektionsmittel von Tüchern bis zum antibakteriellen Duschgel wird immer größer. Werden etwa alle krank, die das Zeug nicht benutzen?. Von Oliver Haas

Die Regale in den Supermärkten und Drogerien quellen über mit allerlei Desinfektionsmitteln. Die Werbung will weiß machen, dass es ohne die Sprays, Tücher und antibakteriellen Duschgels nicht mehr geht. Kinder bekommen neben Pausenbrot und Turnbeutel auch die Mini-Sprayflasche in die Hand gedrückt. Doch ist das ständige Desinfizieren überhaupt nötig oder schadet ein keimfreier Haushalt sogar?

Dr. Bernhard Bornhofen vom Gesundheitsamt in Offenbach sieht die Entwicklung durchaus skeptisch: „Es ist in der Regel völlig überflüssig, sich zu Hause die Hände zu desinfizieren.“ Der Mensch sei durchaus in der Lage mit den meisten Bakterien auf seiner Haut zurecht zu kommen. Daher sei es im Alltag und privaten Bereich meistens nicht nötig, wenn zusätzlich desinfiziert werde. Eine Ausnahme sei es freilich, wenn sich etwa Menschen mit Durchfallerkrankungen im Haushalt befänden. „Hier kann es durchaus angebracht sein, dass die Hände desinfiziert werden“, sagt der Mediziner. Allerdings würden viele nach wie vor Fehler machen, wenn sie sich die Hände desinfizierten, was zu Hautproblemen führen könne. Denn: „Durch das Desinfizieren wird das wichtige Hautfett angelöst. Wenn ich jetzt gleich wieder die Hände wasche, dann spüle ich das Hautfett komplett ab und das ist sehr schädlich für die Haut“, erläutert Born. Deshalb solle man nach einer Desinfektion auf keinen Fall die Hände waschen und auch das aufgetragene Mittel nicht mit einem Handtuch abreiben. „Einfach an der Luft trocknen lassen“, sagt Born.

Studie: Keimfrei kann sogar krank machen

Eine im Zuge der vergangenen Grippewelle in Deutschland durchgeführte Studie nährt die These, dass eine völlig keimfreie Umgebung auf der Haut sogar Krankheiten fördert, anstatt sie zu verhindern. Born erläutert: „Dabei wurden Arbeitnehmer untersucht, die täglich privat mit dem Auto zur Arbeit fahren und solche, die öffentliche Verkehrsmittel benutzen.“ Das überraschende Ergebnis der Auswertung sei gewesen, dass diejenigen, die mit Bus und Bahn unterwegs waren und mit reichlich Keimen in Verbindung gekommen sind, deutlich weniger krank waren, als die privaten Autofahrer. Darüber hinaus gebe es Untersuchungen, die vermuten ließen, dass Desinfektionsmittel der Auslöser für schwere Allergien seien.

Auch Professor Ursel Heudorf vom Gesundheitsamt in Frankfurt hält nichts vom ständigen Desinfizieren im privaten Bereich. „Das normale Händewaschen reicht oft völlig aus“ Allerdings sei es wichtig, dass es richtig gemacht werde. „Oft wird der Daumen oder die Zwischenräumen beim Händewaschen vergessen“, sagt Heudorf.

Darüber hinaus seien solche Mittel umweltschädlich und wer es nicht brauche, der solle darauf verzichten. Für sensible Bereiche, wie Krankenhäuser, sei es natürlich völlig richtig, dass die Umgebung durch Desinfektionsmittel keimfrei gehalten werde.

Oliver Haas

Oliver Haas

E-Mail:oliver.haas@extratipp.com

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