Mutter-Trauma: Wer hat hier versagt?

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Der Frankfurter Manfred Miess mit seiner Stütze und Partnerin: Helma Brunck.

Frankfurt – „Meine Mutter, das Trauma und ich“ hat der stark sehbehinderte Manfred Miess seine fast 300 Seiten starke Autobiografie genannt. Der 49-jährige Frankfurter rechnet damit zum einem schonungslos mit seiner Mutter ab, will Menschen in ähnlichen Situationen aber auch Mut machen. Von Norman Körtge

Seine Mutter ist erst 15 Jahre alt, als Manfred Miess 1963 zur Welt kommt. Wer sein Vater ist, kann der heute 49-Jährige nur vermuten. Die ersten fünf Lebensjahre wächst er bei seinen Großeltern in Friedrichsdorf auf. Dann muss er zurück zur Mutter nach Frankfurt. Seit der Kindheit ist er stark sehbehindert, leidet unter grauem Star und Nystagmus, ein Augenzittern. Fürsorge und Geborgenheit erfährt er als Kind und Jugendlicher kaum. Stattdessen häufen sich traumatische Erlebnisse, bis er in eine schwere Depression fällt. Aus dieser hat er sich wieder heraus gekämpft, auch durch das Schreiben der Autobiografie. Mit einem Telefonservice versucht er sich eine neue Existenz aufzubauen.

Herr Miess, wie haben Sie Ihr erstes traumatisches Erlebnis in Erinnerung?

Es war der 27. April 1968. Es war der Tag, als mich meine Großeltern endgültig von Seulberg zurück nach Frankfurt zu meiner Mutter brachten. Obwohl niemand zu Hause war, ließen sie mich alleine vor der Haustür stehen. Stundenlang habe ich dort wie angewurzelt gestanden. Ich war fünf und konnte nicht gut sehen. Das Schlimmste war, dass mich immer wieder Passanten angesprochen haben. Irgendwann habe ich dann die Stimme meines Stiefvaters gehört: ‘Manni, was machst du denn hier?’

Mehr Infos über den Autor und Buchbestellungen unter www.manfredmiess.de oder Telefon (069) 37309592.

Haben Sie dennoch auch glückliche Erinnerungen an ihre Mutter?

Puh. Schwer. Es gibt sicherlich so etwas. Aber es war soviel Negatives, dass mein Leben beeinträchtigt hat. Da kann ich nicht sagen, ja, es gab auch mal was gutes. Ich kann mich an keine normale Unterhaltung mit ihr erinnern. ‘Du kannst das nicht!’ oder ‘Du bist ein Versager!’ habe ich immer wieder zu hören bekommen. Heute frage ich: Wer hat hier versagt?

Ihre Mutter war erst 15 Jahre alt, als Sie zur Welt kamen. Lassen Sie das als Entschuldigung gelten?

Eine Entschuldigung ist das nicht. Ich habe Verständnis, sie war sicherlich nicht zu beneiden. Aber ich weiß von den Möglichkeiten, die mir genommen wurden. Zirka 24.000 D-Mark an Blindengeld wurden ausgezahlt, mit denen ich gefördert hätte werden können. Davon wusste ich viele Jahre lang nichts.

Erst 2010 haben Sie Einblick in Ihre Schulakte bekommen. Dort stand schwarz auf weiß, dass sie eventuell geistesbehindert sind. Was war ihre Reaktion?

Ich habe geweint ohne Ende. Abgesehen von meinen Augen bin ich doch gesund. Alle haben weggeschaut: Meine Mutter, Lehrer, Ärzte.

Trotz vieler Rückschläge haben Sie auch als junger Erwachsener nie aufgegeben. Was hat sie angetrieben?

Die ersten fünf Jahre bei meinen Großeltern waren bestimmt nicht einfach. Aber sie haben mich Disziplin gelehrt. Das habe ich immer wieder in mein Leben einbauen können. Auch wenn ich jetzt gerade vom Amt lebe. Ich will das nicht. Ich suche nach Möglichkeiten und fordere mich selbst stark.

Warum sollte man Ihre Autobiografie lesen?

Eine Aussage ist: Eltern, macht es bitte so nicht (lacht). Aber ich gebe im Buch auch 30 Tipps, um mit Depressionen fertig zu werden. Außerdem habe ich für mich fest gestellt, es ist nie zu spät, neu anzufangen. Oder um es mit Goethe zu sagen: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man Schönes bauen.

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