Musizieren bald nur noch Reiche?

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Nicht nur in Dieburg, wo Paula Mann (rechts) und Pauline Brencke Gesangsunterricht bei Georg Becker an der Modern Music School nehmen, könnte Musizieren bald teurer werden.

Region Rhein-Main – In den vergangenen Wochen sorgte in den privaten Musikschulen eine Beschlussvorlage für das Jahressteuergesetz 2013 für Aufruhr: Demzufolge soll die Umsatzsteuerbefreiung ab Januar entfallen, so dass die Musikschulen auf jede Unterrichtsstunde 19 Prozent Umsatzsteuer erheben müssten.

Staatliche Musikschulen blieben zwar weiterhin befreit. Der Privatunterricht würde aber teurer – oder die Musiklehrer stärker in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt. Ungleiche Bildungschancen wären eine weitere Folge.

Die Einführung des vollen Umsatzsteuersatzes hätte erhebliche Konsequenzen. Aber nicht direkt für die Musikschule in Friedrichsdorf, wie Leiter Bert Jonas sagt. Da die Musikschule öffentliche Zuschüsse bekommt, wäre die Einrichtung nicht betroffen. Sollte die Umsatzsteuerbefreiung kommen, „wird sich aber ein nennenswerter Teil den Unterricht nicht mehr leisten können“, sagt Jonas. Die öffentlich geförderten Schulen, die, wie Friedrichsdorf auch, Ermäßigungen für sozial Schwächere anbieten, könnten das nicht auffangen, ist er sicher. Dabei sei die musikalische Bildung besonders wichtig. „Diese Bildung muss stattfinden“, betont Bert Jonas.

Die zentrale Frage ist: Ist Musikunterricht ein Freizeit- oder doch eher ein Bildungsangebot? Kai Bergerin hat eine klare Antwort: „Musikunterricht ist kein Freizeit-, sondern ein Bildungsangebot,“ sagt der Leiter der Dieburger Niederlassung der Modern Music School (MMS), die es auch in Bad Homburg gibt.

Zunächst stellt er heraus: „Die, die sich mit Musik beschäftigen, wissen alle, dass sie besonders bei jungen Menschen zuträglich für Ausdauer, Wille, Intelligenz, Teamarbeit und vieles andere mehr ist. Musikunterricht ist ganz klar ein Bildungsangebot.“ Während man bei „Seidenmalerei und Seniorenballett“ noch darüber streiten könne, ob es sich um reine Freizeitzerstreuung ohne Bildungsauftrag handele, lasse er dieses Argument bei Gesangs- oder Instrumentalunterricht nicht gelten, so Bergerin.

Sollte die Steuerbefreiung fallen, müsste er künftig entweder die Preise um 19 Prozent erhöhen – oder den Betrag bei den Honoraren für die meist freiberuflichen Musiklehrer einsparen, zeigt Bergerin die Alternativen auf. „Die Musiklehrer verdienen in der Regel aber auch nicht so viel, da ist meist schon viel Idealismus dabei“, stellt Bergerin indes heraus.

Christian Höppner, Generalsekretär des Deutschen Musikrates, sieht es ähnlich – und bringt noch einen anderen wichtigen Aspekt in die Diskussion ein: „Im Ergebnis würde noch mehr Kindern und Jugendlichen der Zugang zu Instrumental- beziehungsweise Vokalunterricht verwehrt.“ Höhere Unterrichtspreise gleich weniger Schüler – dem stimmt Kai Bergerin zu, der damit die gleiche Sorge hat wie Bert Jonas.

Kommt die Steuer, die auf eine Angleichung bestehenden EU-Rechts abzielt, aber noch in Bundestag und Bundesrat diskutiert werden muss, so rechnet der Dieburger für seine MMS, dass ein Drittel der Schüler wegbleibt.

Dass Bergerin im Gegenzug künftig auch die Vorsteuer abziehen könnte, sprich die gezahlte Umsatzsteuer bei allen beruflich bedingten Kosten vom Finanzamt zurückbekäme, ist für den gebürtigen Niedersachsen kein Argument: „Man kann nicht so viel gegenrechnen, wir verkaufen ja eine geistige Leistung.“

Gegen die Abschaffung der Umsatzsteuerbefreiung hat ein Bürger inzwischen eine Petition eingereicht, die rund 100.000 Mitzeichner ebenfalls tragen. jd/jule

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