Kleine Betriebe versuchen alles, um der Pleite zu entgehen

Mindestlohn um jeden Preis? So wollen die Chefs tricksen

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Region Rhein-Main – Friseure, Landwirte, Praktikanten: Der Mindestlohn droht, die ersten Unternehmen in die Krise zu stürzen. Branchenkenner sind sicher, dass kleine Betriebe das Gesetz ab 2015 aber mit Tricks aushebeln könnten. Von Christian Reinartz 

Zahlreiche kleine Betriebe im preiswerten Dienstleistungssegment, vor allem in der Friseurbranche, aber auch Taxiunternehmen oder Landwirtschaftsbetriebe können ihren Angestellten nicht mehr zahlen, als den bisherigen Stundenlohn. Wenn ab 2015 der gesetzlich verordnete Mindestlohn von 8,50 Euro greift, geht es den Betrieben an die Existenz. Dann heißt es dicht machen. Oder tricksen.

Ein Offenbacher Friseurmeister, der anonym bleiben will, gibt das offen zu. „Ich habe da dann gar keine andere Möglichkeit mehr, als den Staat zu hintergehen“, sagt er verzweifelt. Wenn er die Vorgaben erfüllen würde, müsste er seine Leute entlassen. „Einfach mehr Geld zu nehmen geht nicht. Das können sich meine Kunden nicht leisten. Und kontrolliert wird sowieso nicht.“

Arbeitgeber beschäftigen Mitarbeiter offiziell weniger

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„Wir rechnen damit, dass es neben anderen Branchen auch im Friseurbereich Betriebe geben wird, die ihre Mitarbeiter offiziell weniger Stunden beschäftigen werden“, sagt Rüdiger Schmitt, Sprecher der Friseurkette Klier, die zahlreichen Läden im Rhein-Main-Gebiet betreibt. Das gelte aber nur offiziell. Intern würden die Mitarbeiter dann vor die Wahl gestellt: Job weg oder neuen Vertrag unterschreiben. Offiziell arbeiten die Angestellten dann nur etwa 25 statt 38 Stunden, müssen aber trotzdem die volle Zeit ranklotzen. Das restliche Geld wird dann unter Umständen schwarz ausbezahlt. „So können die Inhaber dann auf die vorgeschrieben 8,50 Euro kommen.“ Das gelte aber ganz sicher nicht für die Masse der Unternehmer.

Dass den Angestellten dabei Sozialabgaben des Arbeitgebers durch die Lappen gehen, bedenken viele nicht. Schmitt: „Wer bei diesem Geschäft mitmacht, wird sich deswegen kaum selbst belasten.“

Auch beim Hessischen Bauernverband  in Friedrichsdorf geht man davon aus, dass es Versuche geben wird, den Mindestlohn auszuhebeln. „Es ist doch klar, dass die Leute erfinderisch werden, gerade, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht“, sagt Sprecher Bernd Weber. „Allerdings ist das keine Lösung. Wir sind gegen diese Mindestlohn-Regelung, weil wir so nicht mehr wettbewerbsfähig mit anderen Ländern in Europa sind.“ So würde etwa in Spanien der Mindestlohn bei 3,91 Euro liegen, in Polen bei 2,21 Euro und Rumänien bei nur 92 Cent, so Weber.

Praktikanten würden mehr verdienen als Auszubildene

Auch in Sachen Praktikanten scheint schon jetzt klar zu sein, dass die Mindestlohn-Regelung keineswegs dazu führen wird, dass diese bezahlt werden. Steffen Ball, Geschäftsführer der PR-Agentur Ballcom  in Heusenstamm sagt: „Ich würde dann keine Praktikanten mehr einstellen. Denn diese würden sonst mehr verdienen als unsere Auszubildenden.“ Zudem würden sich die Kosten inklusive der investierten Ausbildungszeit auf mehrere tausend Euro im Monat belaufen. „Das ist krank“, sagt er.

Allerdings könnte er sich auch vorstellen, dass es Agenturen gebe, die einen Praktikanten einfach nach Ablauf von sechs Wochen ein zweites Mal einstellen, um die Regelung zu umgehen.

Bei der Gewerkschaft Verdi in Berlin bestätigt man die Problematik: „Unsere Erfahrung ist, dass Arbeitgeber alle Möglichkeiten ausnutzen, um solche Regelungen zu unterlaufen“, sagt Bundesvorstandssprecher Christoph Schmitz. „Aber das ist Betrug. Wir raten jedem, solche Vorgänge zu melden.“

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