Mit Windeln gibt’s weniger

Behörde verweigert 99-Jähriger mehr Pflegegeld

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Der 99-jährigen Katharina Urbach wurde vom Medizinischen Dienst die Pflegestufe drei verweigert. Ingrid Becker kann es nicht fassen

Offenbach – Es kann einem Menschen nicht mehr schlechter gehen als der 99-jährigen Katharina Urbach. Trotzdem hat der Medizinische Dienst der Krankenkassen der Frau die Pflegestufe drei verweigert. : Weil Urbach Windeln benötigt, statt auf Toilette zu gehen. Von Christian Reinartz

Das Häufchen Mensch, das in dem Pflegebett liegt ist verzweifelt. „Ich hätte nie gedacht, dass sie mich mal so hängen lassen“, haucht die 99-jährige Katharina Urbach mit rauer Stimme. Es kostet die Offenbacherin viel Kraft. Sie wiegt nur noch 35 Kilogramm, jede Bewegung schmerzt sie. Nicht einmal ihren Kopf kann sie noch heben, geschweige denn Arm oder Bein. Eigentlich gibt es keinen Zweifel: Wenn ein Mensch pflegebedürftig ist, dann ist es Katharina Urbach.

Dennoch ist der Medizinische Dienst der Krankenkassen bei seiner Begutachtung zu einem anderen Ergebnis gekommen. Statt die Frau in die höchste Pflegestufe einzugruppieren, genehmigte man Urbach nur die Pflegestufe zwei, weil der Pflegeaufwand für Katharina Urbach nicht groß genug sei. „Als ich das gelesen habe, bin ich fast umgefallen“, sagt Ingrid Becker. Die 67-jährige Dietzenbacherin kümmert sich seit Jahren aufopferungsvoll um Urbach, ist sogar ihr zu ihrem Vormund bestellt worden. Sie wendet sich an den EXTRA TIPP, rechnet verzweifelt vor, dass Urbachs Geld nun nicht mal mehr für den Pflegedienst reiche. „Mit der Miete und dem ,Essen auf Rädern’ fehlen jeden Monat 300 Euro“, sagt Becker. Ihr fehlen die Worte. „Erst dachten wir, das sei nur ein Missverständnis. Aber die haben uns erklärt, wenn jemand in die Windeln macht, weniger Pflegebedarf besteht, als wenn er noch aufs Klo gebracht werden muss.“

Medizinischer Dienst hält sich nur an Vorschriften

Als der EXTRA TIPP bei AOK-Sprecher Riyad Salhi nachhakt, geht alles blitzschnell. Wenige Stunden später besucht eine AOK-Pflegespezialistin Katharina Urbach, begutachtet erneut die Situation. Salhi: „Unsere Mitarbeiterin ist zu dem Schluss gekommen, dass diese Frau in jedem Fall Anspruch auf die Pflegestufe drei hat.“ Nun werde man das Geld rückwirkend ab Oktober in Form von Sachleistungen zur Verfügung stellen. Für Katharina Urbach und Ingrid Becker ist das eine riesige Erleichterung. „Endlich müssen wir uns keine Sorgen mehr machen, wie wir den Pflegedienst bezahlen sollen“, sagt Becker.

Doch wie kann es zu einem so krassen Fehlurteil kommen? Riyad Salhi erklärt: „Wir müssen uns erstmal auf das Urteil des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen verlassen.“ Wenn allerdings, wie in diesem Fall Zweifel aufkämen, würde die AOK die Sache selbst noch einmal bewerten. Beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen wälzt man alle Verantwortung ab. Dort heißt es: „Wir gehen nur nach den Vorschriften. Die Entscheidung über das Pflegegeld liegt bei den Krankenkassen.“ Eine Erklärung, wie es zu der unglaublichen Entscheidung im Fall Urbach gekommen ist, hat man dort angeblich nicht. 

Haben auch Sie Erfahrungen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen gemacht? Schreiben Sie an redaktion@extratipp.com.

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