Vergessen

Lebenspartner tot: 65-Jährige wartet elf Stunden auf den Arzt

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Monika Disser steht die Trauer um ihren geliebten Lebensgefährten Werner ins Gesicht geschrieben. Sie musste an diesem Bett elf Stunden ausharren, bis ein Arzt kam, um den Tod festzustellen.

Neu-Isenburg – Um 3. 20 Uhr starb ihr geliebter Werner. Aber erst elf Stunden später erbarmte sich ein Arzt, den Tod festzustellen. Und das, obwohl Monika Disser immer wieder beim Notdienst darum bettelte, dass ein Mediziner vorbeikommt. Von Christian Reinartz

„Es waren grausame Stunden“, sagt Monika Disser. Die 65-Jährige klammert sich an ein Passbild ihres geliebten Werner, kann die Tränen nicht zurückhalten, als sie hinter sich auf die hellblaue Matratze des Pflegebetts guckt.

Hier spielen sich am 31. Mai die dramatischen Szenen ab, die Disser niemals wieder aus dem Kopf bekommen wird. Nach schwerer Krankheit stirbt ihre geliebter Partner Werner. Es ist 3.20 Uhr. Ein Sonntag. Sie wählt die Nummer des ärztlichen Notdienstes, landet in der Notdienstzentrale in Dietzenbach. „Ich habe direkt mit dem Arzt gesprochen. Der versicherte mir, er würde um sieben Uhr vorbeikommen, um den Tod festzustellen.“

Dann beginnt das Warten. Disser hofft, dass die Leiche so schnell wie möglich vom Arzt untersucht wird, damit er vom Bestatter gesäubert und aufgebahrt werden kann. „Es hat so furchtbar gerochen“, sagt sie mit tränenerstickter Stimme. „Aber da hatte ich noch keine Ahnung, wie schlimm das alles noch werden würde.“

Um sieben Uhr kommt keiner. Ein Anruf bei der Zentrale bringt ihr die Erkenntnis: „Der Arzt hatte uns einfach vergessen, versprach aber vorbeizukommen.“ Die Stunden vergehen. „Ich habe da ständig angerufen und immer wieder versichert bekommen, dass jemand nach uns schaut“, sagt Disser. Man sieht ihrem Gesicht das Leid an, das sie in diesen schweren Stunden durchgemacht hat. „Es war so würdelos, wie er da lag. Und der Geruch wurde immer schlimmer.“

Arzt droht Geldbuße von bis zu 50.000 Euro

Mittlerweile mischen sich die zuständige Pfarrerin und das Beerdigungsinstitut ein. Doch von der Notdienstzentrale kommt kein Arzt. „In meiner Hilflosigkeit hab ich dann die 112 angerufen“, sagt Disser. „Aber auch da erklärte man sich nicht für zuständig.“

Erst um 14.20 Uhr, elf Stunden nach dem Tod, fährt ein Arzt vor. Doch der kommt nicht etwa vom ärztlichen Notdienst in Dietzenbach. „Die Pfarrerin hat einen Mediziner aus Langen organisiert, damit Werner nicht noch länger hier liegen musste.“

Als der EXTRA TIPP bei der Kassenärztlichen Vereinigung, die für die ärztlichen Notdienstzentralen zuständig ist, nachfragt, versucht man erst gar nicht, sich zu rechtfertigen. Sprecherin Petra Bendrich: „Wir möchten uns in aller Form bei den Angehörigen des Verstorbenen für die Unannehmlichkeiten entschuldigen, die durch das Verhalten des Arztes entstanden sind. Wir wirken selbstverständlich auf unsere diensthabenden Ärzte ein, Leichenschauen durchzuführen. Wir stehen dazu bereits in Kontakt mit dem Arzt. Es handelt sich dabei um ein berufsrechtliches Fehlverhalten des Arztes. Dies zu ahnden ist Aufgabe der Landesärztekammer.“

Die wird nun den Fall prüfen. Sprecherin Maren Grikscheit: „Grundsätzlich gilt, dass im Fall eines schwerwiegenden nachweisbaren, berufsrechtlichen Fehlverhaltens eines Arztes, seitens der Landesärztekammer Hessen, die gebotenen berufsrechtlichen Maßnahmen nach dem Hessischen Heilberufsgesetz ergriffen werden.“ Dann könne etwa eine Geldbuße von bis zu 50.000 Euro gegen den Arzt verhängt werden.

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