Kreis hat keinen Bock auf den Bock: Mühlheimerin kämpft um ihren Rudi

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Ein Herz und eine Seele: Ulrike Pachzelt ist traurig, weil der Kreis ihr Rehbock Rudi wegnehmen will.

Mühlheim – Das Veterinäramt des Kreises Offenbach will Igel-Insel-Chefin Ulrike Pachzelt ihren Rehbock Rudi wegnehmen. Obwohl Deutschlands einziger vereidigter Gutachter der Mühlheimerin ein lupenreines Halter-Zeugnis ausstellt. Von Christian Reinartz

Ihre Augen sind zur Zeit dauerfeucht. Wenn Rehbock Rudi angetippelt kommt und seine weiche Nase an der Wange von Ulrike Pachzelt reibt, wird aus Feuchtigkeit Tränen. Dann wird ihr bewusst, dass man ihr Rudi für immer wegnehmen will. Wegnehmen, weil man im Kreisveterinäramt Paragraphen vor Milde walten lässt. „Das ist so sinnlos. Rudi gehört hierher und wir können nicht ohne einander leben“, klagt Pachzelt ihr Leid. Die 55-Jährige ist Chefin der Mühlheimer Igel-Insel und setzt sich seit 20 Jahren für Wildtiere ein, nimmt sie auf, päppelt sie groß. Das Land Hessen hat der Tierpflegerin, die sogar Lehrlinge ausbildet, für ihr Engagement den Landesehrenbrief und den Hessischen Umweltpreis verliehen.

Doch davon wollen die Kreis-Veterinäre im Fall Rudi nichts hören. Sie halten sich penibel an die Fachliteratur. Und die sagt, dass eine ausgewachsene Rehfamilie etwa 1000 Quadratmeter Freifläche braucht. Ulrike Pachzelt hat aber nur etwa 600. Zu wenig für das Veterinäramt. Und auch zu wenig für das Verwaltungsgericht Darmstadt, dass sich der Auffassung der Kreisveterinäre angeschlossen hat.

Dabei bescheinigt Deutschlands einziger anerkannter und vereidigter Gutachter für private Wildtierhaltung etwas ganz anderes. Eckhard Wiesenthal hat sich vor Ort ein Bild gemacht: „Der Rehbock kann ohne Probleme bei Frau Pachzelt bleiben. Und die Größe ihres Grundstücks mit den vielen Versteckmöglichkeiten reicht absolut aus.“ Zudem sei Rudi durch seine fehlende Scheu vorm Menschen überhaupt nicht in der Lage, mit anderen Rehen zusammen zu leben.

Verrückt: Das Fachbuch, mit dessen Angaben das Veterinäramt argumentiert, hat Wiesenthal selbst vor 15 Jahren verfasst. „Die 1000 Quadratmeter sind natürlich nur ein Richtwert und kein Gesetz“, erklärt der Gutachter: „Wenn jemand also das Recht hat, diesen Wert in Frage zu stellen, dann ja wohl ich. Und ich tue das im Fall Rudi.“

Doch das interessiert das Kreis-Veterinäramt offenbar nicht. Dort pochen die Mitarbeiter weiterhin auf die 1000 Quadratmeter und haben schon 500 Euro Strafe verhängt, weil Pachzelt den Bock nicht fristgerecht herausgegeben hat. Jetzt wollen die Kreis-Mitarbeiter offenbar mit aller Gewalt an das Tier, setzen Pachzelt bei Besuchen in einer Tour unter Druck, klagt die Tierschützerin: „Aber die kriegen mich nicht klein.“

Kreissprecherin Kordula Egenolf stellt klar: „Die Möglichkeit, das Tier artgerecht unterzubringen, hat die Halterin nicht genutzt, sondern Ende Dezember 2010 den Rechtsweg eingeschlagen. Damit lag das weitere Verfahren in Hand der Justizbehörden. Als ausführende Behörde ist der Kreis Offenbach gehalten, diese Entscheidung umzusetzen.“ Pachzelt werde deshalb bis zum morgigen Montagmittag Frist gegeben, sich um eine artgerechte Unterkunft zu kümmern, so Kordula Egenolf: „Ansonsten wird der Kreis das Tier in eine Einrichtung bringen.“

Für Pachzelts Anwalt Adam Rosenberg eine Ungeheuerlichkeit. „Das Gericht hat ja noch nicht einmal das aktuelle Gutachten des Sachverständigen berücksichtigt“, behauptet er. Eine Chance hat Pachzelt aber offenbar noch. Rosenberg hat im Bundesnaturschutzgesetz eine Ausnahmeregelung auf Befreiung entdeckt: „Wir haben einen Eilantrag gestellt, damit der Rehbock doch bleiben darf.“

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