"Wir fühlen uns wie im Knast"

Krankenkasse will Gerät zum Treppensteigen nicht zahlen

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Region Rhein-Main – Der rechtsseitig gelähmte Detlev Mössner kann mit seiner Frau das Haus nicht mehr verlassen. Eine Treppensteige-Hilfe würde das Problem lösen. Doch die Krankenkasse weigert sich, das Gerät zu zahlen. Von Oliver Haas

Karin Mössner schiebt ihren Mann Detlev aus dem Fahrstuhl des Mietshauses in Offenbach. Sie sind im Keller und acht steile Stufen stehen zwischen dem Ehepaar und dem Weg nach draußen. Ohne weitere Hilfe oder ein Treppensteige-Gerät ist diese Hürde unüberwindbar. „Wir fühlen uns wie in einem Knast“, so die 62-Jährige. Sie sieht sich in einer Zwickmühle: „Einen Umzug können wir uns nicht leisten, das Treppensteige-Gerät kostet über 6000 Euro. Und die Krankenkasse will nicht zahlen.

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Die Alternative ist, dass wir immer zu Hause bleiben. Aber dann drehe ich bald durch.“ Arbeitssuche hatte das Ehepaar 2009 aus Schwaben nach Offenbach geführt. Zunächst schien der Lebensplan aufzugehen. „Mein Mann arbeitete als Leiter von mehreren Unitymedia-Shops, und ich hatte auch Arbeit gefunden“, sagt Mössner. Dann schlug das Schicksal zu. Erst wurde bei ihrem Mann Burnout diagnostiziert. Er musste seine Arbeit aufgeben. Mitten in der Jobsuche kam im November 2014 der nächste Schock. Seiner Frau stockt die Stimme: „Freitagmittags hab ich ihn zwischen Bad und Flur auf dem Boden gefunden.“ Diagnose Schlaganfall mit 52 und Pflegestufe zwei. Ihr Mann ist jetzt rechtsseitig gelähmt, das Sprachzentrum schwer beschädigt.

Alleine kann sie ihren Mann nicht tragen

Er ist nur schwer zu verstehen. Außerdem spricht er seitdem wieder den Schwarzwälder Dialekt aus der Heimat. Seine Frau blickt zu ihm und muss schmunzeln: „Und hier verstehe nur ich diesen Dialekt.“ Wenn sie tagsüber als Büroangestellte in Frankfurt arbeitet, wird er von einem Tagespflegedienst abgeholt. „Das sind zwei starke Männer, die meinen Mann problemlos über die Treppe tragen.“ Für sie sei das alleine unmöglich. Den Kostenantrag für das Treppensteige-Gerät hat die Krankenkasse „Big direkt gesund“ abgelehnt. Trotz vorliegendem Attest vom Hausarzt. Als der EXTRA TIPP bei der Versicherung aus Dortmund nachhakt, erklärt ein Mitarbeiter, der nicht genannt werden möchte, dass man in gewissen Fällen dieses Gerät finanziert. Die Versicherung beruft sich dabei auf die aktuellste Entscheidung des Bundessozialgerichts (BSG).

Krankenkasse will sich nicht äußern

Danach sei einzig die Pflegeerleichterung als Grund für die Kostenübernahme eines Treppensteigers maßgeblich. Konkret will sich die Versicherung zum Fall Mössner aber nicht äußern. Im Ablehnungsschreiben, das dem EXTRA TIPP vorliegt, heißt es: „Das Gerät stellt keinen unmittelbaren Behinderungsausgleich da.“ Laut Rechtsprechung des BSG sei „die Infrastruktur der gewählten Wohnung in der Eigenverantwortung.“ „Am Telefon sagte man mir, dass es nicht die Schuld der Versicherung sei, dass wir in der falschen Wohnung leben,“ so Karin Mössner verbittert. Zudem wird im Schreiben darauf verwiesen, dass es schließlich Hausbesuche von Ärzten gebe. Soll praktisch heißen: Mit der Gattin die Frühlingssonne zu genießen und wieder am Leben in Freiheit teilzunehmen ist wohl laut Versicherung lediglich eine Verbesserung der Lebensqualität. Und die ist offenbar für die Kasse kein Zahlungsgrund.

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