Killer-Bakterien folgen auf Baby-Glück

"Killerbrut" heißt die alarmierende ARD-Reportage, die vor wenigen Tagen im Fernsehen zu sehen war. Darin werden die (un)-hygienischen Zustände in den deutschen Krankenhäusern angeprangert.

Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene geht von jährlich 1,5 Millionen Menschen aus, die sich im Krankenhaus mit Erregern infizieren. 40.000 Patienten würden dadurch sterben. Von einem "Kartell des Schweigens" ist in dem Beitrag die Rede, wenn es um die Aufarbeitung der hygienischen Probleme geht. Die Opfer fühlen sich alleine gelassen.Als Opfer sieht sich auch die Offenbacherin Corina Vogel.Klinikum Offenbach, 24. Januar 2008: Amelie erblickt nach einem Kaiserschnitt das Licht der Welt. Für Mutter Corina Vogel beginnt ein Martyrium. Einige Tage nach der Geburt, Vogel liegt noch auf der Wochenbettstation, verschlechtert sich ihr Zustand rapide. Schmerzen, Fieber und starke Blutungen an der Kaiserschnittnarbe. Ein Arzt verordnet die sofortige Öffnung der Bauchdecke. Nach der Operation wird die Wunde wieder verschlossen, sie kommt zurück auf die Station. Doch ihr Zustand verbessert sich nicht. Erneut geht es in den OP-Saal, danach auf die Intensivstation. Es folgen weitere Öffnungen und Bauchspülungen."Es war grausam, weil mir lange Zeit niemand gesagt hat, was ich habe", berichtet die Offenbacherin. Sie habe das Gefühl bekommen, dass etwas vertuscht werden soll. Erst nach der Drohung, einen Anwalt einzuschalten, hätten die Ärzte ihr die Diagnose mitgeteilt: Nekrotisierende Fasziitis.Dabei handelt es sich um eine schwere und schnell entwickelnde Entzündung von Muskel- und Hautgewebe. Ausgelöst wird das durch Bakterien wie Streptokokken. Um die Ausbreitung zu stoppen muss das infizierte Gewebe sofort und großflächig entfernt werden. Bei Nichtbehandlung droht der Tod. "Die Erreger können sowohl von außen als auch über Einwanderungen aus anderen Regionen des Körpers in das Wundgebiet gelangen", erklärt Dr. Bernhard Jahn-Mühl, der die Krankenhaus-Hygiene des Klinikums leitet.Am 27. Februar 2008, mehr als einen Monat nach der Geburt von Amelie, darf Vogel das Krankenhaus verlassen. Sie ist gezeichnet fürs Leben. Sie darf keinen Sport mehr treiben, darf nicht mehr schwer heben â?? also auch Amelie nicht.Im Oktober 2008 lässt sie sich im Offenbacher Ketteler-Krankenhaus operieren. Plastische Chirurgen versuchen an Vogels Bauch zu retten, was noch zu retten ist. Eigentlich hätte diese Operation im Klinikum stattfinden sollen. Zweimal wird sie telefonisch erinnert. Aber sie verweigert, will nie mehr ins Klinikum. "Ich habe 1000 Fragen und keine Antworten", sagt sie und spricht von Ärztepfusch.Einen Vorwurf, denn das Klinikum in einer schriftlichen Stellungnahme strikt zurückweist: Nach der Diagnose der Infektion sei umgehend eine "leitlinienkonforme Therapie des Krankheitsbildes" eingeleitet worden. Krankenhaushygiene-Leiter Jahn-Mühl erklärt zudem, dass das Klinikum über ein umfangreiches Hygienemanagement verfügt. Dieses umfasst neben einem verbindlichen Regelwerk, regelmäßigen Fortbildungen auch Begehungen aller Abteilungen, bei denen hygienekonformes Arbeiten beobachtet wird â?? all dies unter Leitung speziell ausgebildeter Fachkräfte."Wir bedauern sehr, dass Frau Vogel im Nachgang den mit ihr ausführlichst besprochenen bedauerlichen Krankheitsverlauf offensichtlich noch nicht als einen bedauerlichen und schicksalhaften Krankheitsverlauf hat annehmen können", heißt es abschließend vom Klinikum.Corina Vogel will sich damit nicht abfinden. Ihr Anwalt bringt den Fall nun vor die ärztliche Schiedsstelle, eine spätere Klage gegen das Klinikum ist nicht ausgeschlossen. Die Beweisführung wird schwierig sein. "Ich weiß von mindestens zwei weiteren Frauen, denen es ähnlich wie mir ergangen ist", erzählt Vogel: "Die Aussagen dieser Frauen würden mir bei einem Prozess weiterhelfen, dass meine Infektion durch mangelnde Hygiene im Operationssaal entstanden ist."

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