Keinen Schritt ohne Mama: Elternangst macht Kinder krank

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Sind Eltern zu ängstlich, färbt das auf die Kinder ab.

Region Rhein-Main – Immer mehr überängstliche Eltern machen das Leben ihrer Kinder kaputt. Weil sie ihre eigenen Sorgen den Kinder einimpfen. Jetzt schlagen Lehrer und Psychologen Alarm. Von Silke Gottaut

Ob auf dem Schulweg, beim Turnverein oder dem Flötenkurs – viele Eltern lassen ihre Kinder nicht mehr aus den Augen. Keinen Schritt dürfen die Kleinen ohne Mama machen, weil ihnen etwas zustoßen könnte.

Kinder und Jugendliche kopieren dabei unbewusst das Verhalten ihrer Eltern. Und damit auch deren Ängste. Mit fatalen Folgen, wie die Frankfurter Kinderpsychologin Dörte Grasmann sagt: „Später werden sie dann unter Umständen in der Schule ausgegrenzt.“ In besonders schlimmen Fällen könne dann nur noch eine Therapie helfen.

Dabei beginnt der Teufelskreis scheinbar harmlos. Die Kinder werden länger und häufiger von ihren Eltern zur Schule gebracht. Ob zu Fuß oder mit dem Auto.

Offenbar ein Massenphänomen. Laufende Motoren, zugeparkte Straßen und besorgte Elterngesichter gehören mittlerweile zum Alltag vor Frankfurts Grundschulen. Schulleiterin Petra Sturm-Hübner von der Diesterwegschule kennt die Argumente der Angst-Eltern zur Genüge. „Der Schulweg ist zu gefährlich, Fremde könnten mein Kind ansprechen“, sagt die Pädagogin. Wenn Eltern ihre Kinder in den ersten Wochen noch zur Schule bringen, sei das ja noch verständlich. „Aber dann muss das nachlassen, denn sie müssen lernen selbstständig zu werden!“ Die Realität sieht anders aus, so Sturm-Hübner: „Oft werden die Kleinen noch bis zur vierten Klasse begleitet.“

Ihre Lehrer-Kollegin Doris Richter sieht das Verhalten der ängstlichen Eltern ebenfalls kritisch. Sie ist seit 39 Jahren im Schuldienst, kennt die Entwicklung. „Das ist in den letzten Jahren immer mehr geworden.“ Manche Kinder seien durch ihre Eltern sogar so verunsichert, dass für sie schon einfaches U-Bahn-Fahren beängstigend sei.

Ähnlich ist die Situation in Stadt und Kreis Offenbach und im Taunus, wie Schulleiter Clemens Steden aus Oberursel bestätigt. Dort sorgten sich die Eltern vor allem um den Straßenverkehr. Und in Dietzenbach gibt es schon seit langem Probleme mit Eltern, die ihre Kinder am liebsten direkt vor dem Klassenzimmer abliefern.

Wie akut das Angst-Problem in der Region ist, zeigt ein Projekt der Stadt Frankfurt mit dem Titel „Wir laufen zur Schule“. Den Kindern gefällt‘s. Viele sind offenbar genervt von ihren übervorsichtigen Eltern. So etwa ein Zweitklässler an der Diesterwegschule: „Wenn ich in der fünften Klasse bin, dann laufe ich überall alleine hin.“ Doch glaubt man den Experten haben die Ängste seiner Mutter bis dahin schon längst dafür gesorgt, dass aus dem mutigen Zweitklässler ein verängstigter Junge geworden ist.

Diese Experten-Tipps können helfen, dass Kinder später keine Ängste entwickeln und selbstbewusst im Leben stehen:

1. Das Kind schon im Säuglingsalter zeitweise von ein bis drei weiteren zuverlässigen Personen (z. B. Großeltern, Babysitter) mitversorgen lassen.

2. Das Kind langsam aber stetig an neue Situationen, wie etwa den Schulweg, gewöhnen. Auch, wenn es schwer fällt. Das Kind muss diese Hürden irgendwann alleine bewältigen, damit es Selbstvertrauen gewinnt.

3. Angst nie zu Erziehungszwecken einsetzen. Verzichten Sie auf Aussagen, die Ihrem Kind Angst machen können, wie „Du bringst mich noch ins Grab“.

4. Einen Mittelweg zwischen grenzenloser Freiheit und zu viel besorgter Behütung finden.

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