Kein Bett mehr frei: Mainarbeit schickt Obdachlosen in die Kälte

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Der obdachlose Jürgen Hollerbach ist gerade von der Mainarbeit weggeschickt worden – ohne einen Schlafplatz zu bekommen.

Offenbach – Obdachlos in Offenbach – wer sich da nicht schon um zehn Uhr morgens eine der wenigen Notunterkünfte für die nächste Nacht gesichert hat, hat Pech gehabt. Jetzt klagt der Offenbacher Obdachlose Jürgen Hollerbach die zuständige Mainarbeit an: „Was ihr mit uns macht, ist unmenschlich!“ Von Christian Reinartz

„Die Stadt Offenbach ist als Sicherheitsbehörde verpflichtet, Leben und Gesundheit ihrer Bürger zu schützen. Dazu gehört... auch die Bereitstellung einer Notunterkunft.“ Das schreibt die Stadt Offenbach auf ihrer Homepage unter dem Titel „Obdachlosenbetreuung“. Doch in der Realität sieht die Fürsorge offenbar anders aus. Zumindest bei der zur Hälfte städtischen Mainarbeit, wo die meisten Obdachlosen auflaufen, finden nicht alle Hilfe. „Die bügeln einen hier eiskalt ab“, klagt Jürgen Hollerbach. Der Offenbacher ist seit zwei Jahren obdachlos und muss auch jetzt wieder im Freien nächtigen. „Weil keine Notunterkunft frei ist“ sagt der 64-Jährige: „Dann schicken die einen einfach wieder weg. Das ist auch schon Kollegen von mir passiert.“

Hollerbach und den anderen Betroffenen bleibt nichts anderes übrig, als tagsüber in Bibliotheken oder Foyers im Warmen zu schlafen. „Nachts laufe ich dann durch die Stadt, um in Bewegung zu bleiben“, verrät er: „Sonst würde ich erfrieren.“

Unterbringung im Hotel nur in Ausnahmen

Bei der Mainarbeit versteht man die Aufregung von Hollerbach nur bedingt. Bereichsleiter Bernhard Frank: „Es gibt eben nur eine begrenzte Anzahl an Betten. Sind die belegt, können wir auch nichts mehr tun.“ Eine Unterbringung im Hotel sei nur in Ausnahmefällen möglich. Und schließlich sei Hollerbach für seine Lage selbst verantwortlich. Schließlich hätte er sich längst eine Wohnung suchen können, die vom Amt bezahlt wird.

Für Hollerbach ist das eine Farce. „Mir gibt doch als Obdachlosem keiner eine Wohnung“, sagt er. Dass einem Obdachlosen in solchen Fällen ein Makler zusteht, der ihm bei der Wohnungssuche hilft, hat ihm niemand gesagt. „Schließlich kostet das Geld und das Amt rückt das natürlich nicht freiwillig raus“, verrät eine langjährige Arbeitslose, die die Tricks der Mainarbeit kennt. Erst wer darauf mit Nachdruck bestehe, erhalte einen sogenannten Maklerschein. Und wirklich: Darauf angesprochen stellt Frank den sogenannten Maklerschein auf einmal in Aussicht. „Aber nur, wenn er uns nachweisen kann, dass er auf normalen Weg keine Wohnung gefunden hat“, stellt Frank klar.

Neben der Mainarbeit, die sich um das Gros der Obdachlosen kümmert, hält auch das städtische Ordnungsamt Notunterkünfte bereit. Anders als bei der Mainarbeit wird dort kein Obdachloser wegen Bettenmangel weggeschickt. Ein Mitarbeiter: „Schließlich ist es unser Job, solchen Menschen zu helfen.“ Das bestätigt auch Mathias Trümner-Friese, Referent von Bürgermeisterin Birgit Simon. „Es gibt genügend Unterkünfte, sodass keiner draußen schlafen muss.“ Die Zahl von etwa 45 bis 50 Betten in Offenbach sei zudem variabel und könne im Bedarfsfall erhöht werden. Warum die Mainarbeit keine Plätze mehr gehabt haben soll, kann er sich nicht erklären.

Nachdem der EXTRA TIPP im Rathaus nachgehakt hat, kommt auf einmal bei der Mainarbeit Bewegung auf. Plötzlich gibt es eine Unterkunft für Hollerbach. „Es ist ein Glücksfall, dass wir doch noch einen Platz gefunden haben“, erklärt Bernhard Frank.

Doch Jürgern Hollerbach weiß von seinem Glück nichts. Er ist unverrichteter Dinge wieder abgezogen. Um tagsüber im Warmen zu dösen und nachts durch Offenbach zu spazieren.

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