Wenn zu Hause die Hölle ist 

Immer mehr Kinder müssen betreut werden

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Viele Kinder fühlen sich bei ihren Eltern nicht wohl. Sie werden vernachlässigt und bekommen keine Liebe zu spüren. Weinend liegen sie im Bett.

Region Rhein-Main –Trauriger Rekord: Jugendämter betreuen immer mehr Kinder und Jugendliche. Sie wurden entweder vernachlässigt, misshandelt oder haben es daheim nicht mehr ausgehalten. Von Silke Gottaut

„Mich liebt eh’ keiner. Ich bin unerwünscht.“ Diesen Satz sagen immer mehr Kinder. „Du bist zu doof für alles. Du bist genauso verlogen wie dein Vater.“ Diese Aussage sagen immer mehr Eltern zu ihren Kleinen. „Mit solchen Sätzen misshandeln Eltern ihre Kinder seelisch“, sagt Daniela Joel-Bayatloo, Leiterin Soziale Dienste im Jugendamt Bad Homburg. Diese Art von Misshandlung ist schlimm. Die Gedanken der ungeliebten Kinder dazu sind jedoch wahnsinnig erschreckend: „Wenn ich auf ein Klettergerüst klettere und springe, bin ich tot.“ Als Joel-Bayatloo dies von einem kleinen Kind hörte, zerriss es ihr das Herz: „Es trifft einen sehr. Es ist einfach erschütternd.“

Jugendämter sind oft die letzte Rettung

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Gründe für Inobhutnahmen gibt es viele. Ein Säugling liegt in einer vermüllten Wohnung. Ein Junge spielt mitten auf den Gleisen. Ein Mädchen zeigt Zeichen
 von Misshandlung. In diesen und anderen Fällen schreitet das Jugendamt ein und nimmt Kinder und Jugendliche in Obhut. Das heißt, dass die Jugendämter es nicht für vertretbar halten, die Kinder in ihren Familien zu lassen. Oder aber auch, dass die Jugendlichen selbst darum bitten, vorläufig woanders zu wohnen, weil es für sie daheim unerträglich ist. Dann kommen die Minderjährigen in ein Heim, zu Pflegeeltern oder in eine soziale Einrichtung. Für einige die letzte Rettung.

Inobhutnahmen nehmen immer mehr zu

Im vergangenen Jahr waren es so viele Inobhutnahmen wie noch nie: Rund 40.200 Minderjährige in Deutschland nahmen die Jugendämter vorübergehend zu deren Schutz in Obhut, teilte das Statistische Bundesamt mit. Dies ist die höchste Zahl seit Beginn der Statistik 1995. Im Jahr 2007 waren es 28.200 Fälle. Das sind 43 Prozent weniger. In Hessen waren es im vergangenen Jahr 3011 Inobhutnahmen. Fünf Jahre zuvor waren es 2010. Die häufigsten Gründe sind: Überforderung der Eltern oder eines Elternteils, Vernachlässigung, Beziehungsprobleme, Anzeichen für Misshandlung oder unbegleitete Einreise aus dem Ausland. Von den 3011 Inobhutnahmen in Hessen wollten 729 Kinder und Jugendliche auf eigenen Wunsch weg von ihren Eltern. In den restlichen 2213 Fällen griff das Jugendamt ein.

Was Jugendämter aus der Region sagen

Jugendamt Frankfurt: In Frankfurt wurden im vergangenen Jahr 859 Kinder und Jugendliche in Obhut genommen. Im Jahr zuvor waren es 792. Dass die Zahl immer weiter ansteigt erklärt Michael Krause, Leitung Grundsatz Kinder- und Jugendhilfe im Jugendamt, so:„Die Menschen werden immer aufmerksamer, was gut so ist. Und Frankfurt ist eine Großstadt mit dem größten deutschen Flughafen. Da ist eine so hohe Zahl nicht ungewöhnlich.“ Neben Vernachlässigung der Eltern spielt die unbegleitete Einreise aus dem Ausland eine große Rolle. Viele Minderjährige kommen aus Krisen- und Kriegsgebieten, wie Eritrea, Nord-Afrika und Somalia.

Jugendamt Offenbach: Laut Statistischem Landesamt Wiesbaden gab es in Offenbach 2012 nur zwölf Inobhutnahmen. Diese Zahl korrigiert Hermann Dorenburg, Leiter des Jugendamtes Offenbach, auf Anfrage des EXTRA TIPPs. „Bei uns wird statistisch anders gezählt. Wir zählen nur die Inobhutnahmen, wenn Eltern dagegen waren. Zählen wir alle zusammen, kommen wir auf 157.“Im Jahr 2007 lag die Zahl noch bei 66. „Es ist eine gewaltige Steigung von 87,5 Prozent. Aber bei der sozialen Situation, die Offenbach hat, liegen wir noch im grünen Bereich.“

Jugendamt Bad Homburg: In Bad Homburg musste das Jugendamt 34 Mal einschreiten. „Diese Zahl ist viel für die Stadt“, erklärt Daniela Joel-Bayatloo vom Jugendamt. „Eltern nehmen sich keine Zeit für ihre Kinder. Sie bekommen lieber Materielles, man kann es sich ja leisten, anstatt Familienleben.“ Überforderung der Eltern und Vernachlässigung sind hier die häufigsten Gründe.

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