Immer mehr Bagatelle-Patienten

Dreist: Immer mehr nutzen die Notaufnahme als Hausarzt-Ersatz

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Region Rhein-Main – Die 24-Stunden Notaufnahme einer Klinik ist gedacht für Schwerverletzte und akute Krankheitsfälle, die sofort behandelt werden müssen. Großes Ärgernis: Jeder fünfte Patient erscheint mit leichten Wehwehchen wie Sonnenbrand oder Kopfschmerzen. Von Oliver Haas

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„20 Prozent der zirka 65.000 Patienten, die in diesem Jahr unsere zentrale Notaufnahme aufsuchen werden, haben eine Verletzung und/oder Erkrankung, die bei einem Hausarzt behandelt werden kann. Dies reicht von Erkältungen, Insektenstichen, Durchfall oder Verstopfung bis hin zu kleineren Prellungen und Zerrungen“, sagt Marion Band, Sprecherin des Sana Klinikums in Offenbach. Sie sind zur echten Plage geworden: Patienten mit Beschwerden, die in der Notaufnahme nichts zu suchen haben. Selbst Menschen mit normale Kopfschmerzen, bei denen eine einfache Tablette helfen würde, haben laut Thomas Steinmüller, Geschäftsführer des Klinikum Frankfurt Höchst, keine Scheu in der Notfallaufnahme auftzutauchen.

Und es wird oft mit Unverständnis reagiert, wenn das Klinikpersonal darauf aufmerksam macht, dass die Notaufnahme eigentlich eine Anlaufstation für Kranke mit schweren Verletzungen und vor allem akuten Beschwerden ist. Christoph Lunkenheimer, Sprecher von der Universitätsklinik in Frankfurt: „In der Regel vertreten die meisten Patienten die Meinung, man bezahle ja schließlich Kassenbeiträge dafür. Aufgrund dieser Haltung lässt in der Wahrnehmung der Ärzte und Pfleger der respektvolle Umgang der Patienten mit dem Personal immer mehr nach.“

Patienten in der Notaufnahme werden immer nach Dringlichkeit behandelt. Das heißt, Patienten mit weniger schweren Erkrankungen müssen länger warten. Und wenn der Patient sein Leiden viel höher einschätzt als der Arzt, dann steigen auch die Aggressionen in der Notaufnahme. „Diese Wartezeiten führen nicht selten zum Streit bis hin zur Bedrohung des Personals“, berichtet Steinmüller.

Dreistigkeit scheint grenzenlos

Und die Dreistigkeit der Patienten mit Bagatell-Beschwerden scheint grenzenlos. Dr. Ulf Waldmann, leitender Arzt der Notfallambulanz der Kliniken des Main-Taunus-Kreises, erinnert sich an einen Patienten, der wegen einem Knickfuß, an dem er bereits seit mehreren Wochen litt, um 15 Uhr in der Notaufnahme behandelt werden wollte. Man erklärte ihm, dass er länger warten müsse, weil schwerwiegendere Verletzungen Vorrang hätten. Die Antwort des Patienten: „Dann komme ich heute nacht um ein Uhr, dann ist sicher weniger los.“

Lunkenheimer sieht vor allem Bequemlichkeit als Grund in diesem Verhalten: „Teilweise stellen sich Patienten ganz bewusst in der Notaufnahme vor, um Wartezeiten bei niedergelassenen Kollegen oder Terminvereinbarungen zu umgehen oder um sich außerhalb der eigenene Arbeitszeiten untersuchen zu lassen.“

Diese Patienten sorgen dafür, dass die ohnehin schon stark unterfinanzierte Notfallbehandlung in den Krankenhäusern immer mehr leidet, sagt Steinmüller und erläutert: „Das Krankenhaus macht mit jedem ambulanten Patienten ein Minus von zirka hundert Euro.“ Auch gesamtwirtschaftlich betrachtet seien sogenannte ,Patienten mit Bagatellen‘ ein Problem, da häufig auch ungerechtfertigt Rettungsdienste mit involviert werden, die pro Einsatz 400 Euro kosteten. Meistens seien es laut Steinmüller jünger Patienten, die den Notfalldienst so ausnutzen, da diese oft keinen festen Hausarzt mehr hätten.

Oliver Haas

Oliver Haas

E-Mail:oliver.haas@extratipp.com

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