Ihre Seelen schreien, aber niemand hört zu

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Allein in Frankfurt gibt es über 14.000 Jugendliche, die sexuell missbraucht wurden

Frankfurt – Ihre Seelen schreien vor Verzweiflung, aber niemand hört ihnen zu. Allein in Frankfurt gibt es über 14.000 Jugendliche, die sexuell missbraucht wurden, jedoch viel zu wenig Behandlungsplätze. Psychologen und Betroffene sind in Sorge. Von Christian Reinartz

Als die Frankfurterin Susanne zu einem Bekannten ins Auto steigt, ahnt sie noch nicht, dass dieser Moment ihr Leben zerstören wird. Der Mann nimmt sie mit in seine Wohnung, zwingt sie mit vorgehaltener Pistole, sich auszuziehen und vergeht sich an der 16-Jährigen. Danach lässt er sie ohne Kleider in der Wohnung zurück. Doch das junge Mädchen kann sich befreien, flüchtet und vertraut sich ihren Eltern an. Die glauben ihr jedoch nicht. „Das war noch schlimmer, als der Missbrauch selbst“, sagt sie heute.

Zu wenige Behandlungsplätze in Frankfurt

Susanne wird älter, macht eine Lehre, beginnt zu arbeiten. Doch das Erlebte frisst sich wie ein Tumor durch ihre Seele. Bis die ersten Symptome auftreten: Die junge Frau wird von Albträumen geplagt, wacht ständig schweißgebadet auf, erinnert sich in ganz alltäglichen Situationen an die Vergewaltigung. Selbst bestimmte Gerüche werfen sie immer wieder aus der Bahn. Susanne entschließt sich, sich jemandem anzuvertrauen. „Was dann begann, war grausam“, sagt die heute 26-Jährige: „Ich hab mindestens bei 50 Therapeuten im Rhein-Main-Gebiet angerufen und wurde abgewiesen.“

Schwerer Schatten auf der Seele

Psychologin Simone Matulis, die an der Frankfurter Uni als Spezialistin für die Folgen von sexuellem Missbrauch gilt, weiß: „Wer da eine schnelle Behandlung haben will, hat im Rhein-Main-Gebiet so gut wie keine Chance.“ Mitunter kann es über ein Jahr dauern, bis ein Behandlungsplatz frei wird. Selbst Privatpatienten müssen auf die Warteliste. Das Problem: Nur wenige behandeln Missbrauchs-Opfer. „Das ist belastend“, erklärt Matulis.

Die Folgen für die Jugendlichen sind dramatisch. „Sie wollen sich anvertrauen, merken aber, dass ihnen keiner hilft“, erklärt Matulis. Susanne: „Wenn damals ein Psychologe Zeit gehabt hätte, wäre mein Leben besser gelaufen.“ Erst in der Psychologischen Ambulanz der Uni fand sie jetzt Hilfe. Dort gibt es noch mehr Behandlungsplätze.

Pschologische Ambulanz bietet noch Behandlungsplätze

Simone Matulis führt eine Studie mit Jugendlichen durch, die aufgrund von sexuellem Missbrauch unter eine posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Teilnehmen können Betroffene zwischen 13 und 20 Jahren. Voraussetzung: Aktuell darf keine Psychotherapie stattfinden und keine Abhängigkeit vorliegen.

Interessenten melden sich unter der Telefonnummer (069) 798 23974.

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