Trotz Erzieher-Job auf Stütze leben?

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Umgeschulte Erzieher sind am Ende die Doofen. Denn sie müssen mitunter weiter auf Stütze leben, weil das Gehalt so niedrig ist. Zudem gibt es gar nicht genug, die für die vom Bund geforderte Umschulung in Frage kommen.

Frankfurt – Hartz-IV-Empfänger sollen zu Erziehern umgeschult werden – was in der Öffentlichkeit heiß diskutiert wird, entpuppt sich nach EXTRA-TIPP-Recherchen als noch viel heißere Luft: In Frankfurt gibt es unter Langzeitarbeitslosen gar nicht genug, die für eine solche Weiterbildung in Frage kommen. Von Christian Reinartz

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen macht ernst. Offenbar will sie mit aller Macht ihren Vorschlag, Hartz-IV-Empfänger zu Erziehern umzuschulen mit aller Macht durchdrücken, um die geschätzten 16. 000 bundesweit offenenen Erzieherstellen aufzufüllen.

Anfang vergangener Woche bestätigte nun die Bundesagentur für Arbeit die umstrittenen Pläne und servierte gleich Zahlen. 800.000 Hartz-IV-Bezieher kämen demnach für den Job in Frage, so Bundesagentur-Vorstandsmitglied Heinrich Alt. Diese wolle man nun intensiv beraten, um sie für den Erzieherjob zu begeistern. Doch die internen Zahlen des Frankfurter Job-Centers, die dem EXTRA TIPP vorliegen, lassen diesem Vorstoß mit einem Schlag die Luft raus: Von den knapp 20.000 Hartz-IV-Empfängern in Frankfurt kämen Berechnungen des Jobcenters zufolge nur 418 überhaupt für eine solche Umschulung in Frage. Nicht rund 6500, die herauskämen, wenn man die Zahlen Bundesagentur auf Frankfurt herunterrechnet. Manch einer im Jobcenter spricht sogar von einer bewussten Irreführung. Denn bis zu 80 Prozent der Langzeitarbeitslosen haben gar keine abgeschlossene Ausbildung. Die braucht es jedoch, um eine Umschulung zu machen. Zudem sei ein großer Teil der Leistungsempfänger ausländischer Herkunft, sodass allein die sprachlichen Barrieren die Arbeit als Erzieher behinderten.

Mit neuem Job trotzdem auf Stütze angewiesen

Und die 418 sind auch nur ein theoretischer Wert. Bei der Berechnung sei noch keiner gefragt worden, ob er überhaupt Lust auf die Umschulung hat, verrät ein Mitarbeiter. Die Arbeitslose Susanne Deyl berichtet: „Das wird einem angeboten wie Sauerbier. Dabei wollen doch die wenigsten in einem fortgeschrittenen Alter noch Erzieher werden. Außerdem liegt das doch nur ganz wenigen.“ Zudem ist es als Erzieher keineswegs gesichert, dass man nach der Umschulung nicht mehr auf Stütze angewiesen ist. Für viele sei der Erzieherjob deshalb nicht attraktiv genug, wird im Jobcenter kritisiert.

Damit konfrontiert, bestätigt Jobcenter-Pressesprecher Steffen Römhild: „Als Alleinverdiener mit einer kleinen Familie ist es denkbar, dass ein Anspruch auf aufstockende Leistungen besteht.“ Des Weiteren gäbe es Einschränkungen was das Alter angeht und die persönlichen Interessen.

Frankfurter Arbeitslose nehmen den Vorschlag der Bundesministerin deshalb erst gar nicht ernst, so etwa Susanne Deyl: „Das lohnt sich doch gar nicht. Schließlich wollen die Leute ja durch eine Umschulung aus dem Leistungsbezug rauskommen und nicht drin bleiben.“

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