Hartz-IV: Pille und Kondom gibt‘s auf Amtskosten

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Viele Hartz-IV-Empfänger haben nicht genug Geld, für ordnungsgemäße Verhütung.

Taunus – Hartz-IV-Empfängerinnen werden offenbar häufiger ungewollt schwanger als andere Frauen. Der Grund: Für Verhütungsmittel fehlt oft das Geld. Während im Main-Taunus-Kreis die Kosten vom Amt übernommen werden, zahlt der Hochtaunus-Kreis keinen Cent. Das will Pro Familia in Friedrichsdorf jetzt ändern und fordert Kondom und Pille auf Amtskosten. Von Christian Reinartz

Hartz-IV-Empfängerin Siggi ist 33, hat vier Kinder und ist zum fünften Mal schwanger. Weil sie und ihr Mann sich keine Verhütungsmittel leisten können. „Wir haben schon versucht, auf Sex zu verzichten, aber das funktioniert nicht“, sagt Siggi. Jetzt denkt sie darüber nach, das Kind „wegmachen“ zu lassen. „Wir schaffen das schon jetzt finanziell nicht“, klagt sie. Eigentlich hatte Siggi nie wieder schwanger werden wollen, hatte sich das Geld für die Pille vom Mund abgespart. Kondome lehnt ihr Ehemann ab. Doch vor vier Monaten kam alles zusammen: Weihnachtsgeschenke werden fällig, das Geld reicht hinten und vorne nicht. Siggi setzt deshalb die Pille ab, will auf Sex verzichten bis die Kasse wieder stimmt. Doch die Lust ist stärker. Jetzt sitzt sie in der Beratungsstelle der Pro Familia und weiß nicht weiter.

„Das ist eine ganz typische Situation, mit der viele Frauen aus dem Taunus zu kämpfen haben“, sagt Hannelore Sonnleitner-Doll, Ärztin bei Pro Familia in Frankfurt und auch für den Main-Taunus-Kreis zuständig: „Diese Frauen haben manchmal nicht das Geld für eine Busfahrkarte oder für die Rezeptgebühr in den Apotheken für wichtige Medikamente.“

Auch Doris Kropp-Dietz, Leiterin der Beratungsstelle für den Hochtaunuskreis in Friedrichsdorf, bestätigt: „Vielen sind Pille oder Kondome einfach zu teuer. Ganz zu schweigen von der Spirale oder einer Sterilisation.“ Stattdessen griffen Hartz-IV-Frauen auf unsichere Verhütungsmittel zurück.

Im Main-Taunus-Kreis hat man diese Problematik offenbar erkannt. Sprecher Johannes Latsch: „Wenn uns eine ärztliche Verordnung vorgelegt wird, übernehmen wir die Kosten und zahlen direkt an die Betroffenen.“ Dabei gehe es vor allem um Pille, Kondome und Spirale, so Latsch. „Dieses Verhalten ist vorbildlich“, lobt Hannelore Sonnleitner-Doll den Kreis: „Aber leider gilt das nicht für jedes Amt.“

Der Hochtaunuskreis etwa zahlt keinen Cent für Verhütungsmittel. „Das ist unserer Ansicht nach mit dem Regelsatz abgedeckt“, argumentiert Sprecherin Pamela Ruppert. Eine Haltung, die Pro-Familia-Chefin Doris Kropp-Dietz ungerecht findet: „Wir werden das Thema jetzt noch einmal ansprechen und versuchen, eine Lösung zu finden, damit die hilfebedürftigen Frauen ihre Verhütungsmittel auch im Hochtaunuskreis bezahlt bekommen.“

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