Grusel auf dem Gottesacker: Totenruhe unter Wasser

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Wenn Staub nicht zu Staub wird: Viel Platz herrscht auf dem Friedhof in Okriftel, denn wegen des hohen Grundwasserstandes gibt es kaum noch Sargbestattungen.

Hattersheim – Auf Deutschlands Friedhöfen verwandeln sich die Toten in Wachsleichen. Die Ursache: Der hohe Grundwasserspiegel und müde Böden. Die Verwesung gerät dadurch ins Stocken. Auch auf dem Friedhof in Okriftel ist der Grundwasserstand zu hoch.  Von Mareike Palmy

Sargbestattungen dürfen dort deshalb dort nur noch teilweise stattfinden.

„Zu meinem Mann kann ich bald nicht mehr. Sein Grab kommt bald weg, dann gibt’s hier nur noch Urnengräber“, sagt eine Dame kopfschüttelnd. In Okriftel ist der hohe Wasserstand auf dem Friedhof ein offenes Geheimnis. Alteingesessene wissen, dass der Boden des Friedhofsgeländes feucht und mürbe ist.

Seit das Landesamt für Bodenforschung 1991 die Empfehlung gab, wegen der Boden- und Grundwasserverhältnisse auf dem Friedhof in Okriftel nicht mehr all zu tief zu buddeln, werden auf dem alten Teil des Gottesackers nur noch Urnen beerdigt.

„Auf dem gesamten Friedhof werden keine Tiefgräber mehr, also Grabstätten mit übereinander liegenden Plätzen, ausgewiesen sondern nur noch Reihengrabstätten beziehungsweise hochliegende Grabstätten mit zum Teil nebeneinander liegenden Plätzen“, erklärt Ulrike Milas-Quirin, Pressesprecherin der Stadt Hattersheim.

Leichen verwandeln sich in grauweiße, wachsähnliche Masse

Denn: Zu hohe Feuchtigkeit im Boden, verbunden mit mangelndem Sauerstoff verwandelt die Körper der Toten nicht mehr in Humus, sondern in eine grauweiße, wachsähnliche Masse. Laut Experten verstärken Angehörige das Problem zusätzlich durch ständiges Blumengießen. Und liegen nach der üblichen Totenruhe von 25 Jahren mehr als Staub und Gebeine in einem Grab, hat die Friedhofsverwaltung ein Problem. Eine solche Grabstätte kann schließlich nicht neu vergeben werden – es sei denn, man gräbt den Leichnam aus und bettet ihn um. Das ist teuer für den Friedhof und eine Belastung für die Bestatter und die Angehörigen.

Professor Rainer Horn

Um dieser Gefahr zu entgehen, weist bereits am Eingang des Friedhofs in Okriftel ein Schild auf das feuchte Phänomen hin. Auch werden die Angehörigen eines Verstorbenen von Pietäten oder der Friedhofsverwaltung bei Beerdigungen auf das Grundwasser-Problem hingewiesen, heißt es seitens der Stadt. Doch die Vorstellung, dass der vor zehn Jahren bestattete Opa, im Grundwasser konserviert, problemlos noch ein Jahrhundert überdauern kann, scheint die Friedhofsverwaltung nicht zu gruseln: „Von Wachsleichen haben wir hier noch nichts gehört“, so Milas-Quirin.

Okriftel ist mit dem Problem nicht alleine

Dabei ist das Mainufer bei Okriftel mit knapp 88 Metern über Normalnull der tiefst gelegene Punkt im ganzen Rhein-Main-Gebiet. Die Mainwiesen bis zum Klärwerk am Roten Weg an der Grenze zu Okriftel, sind deswegen auch die Flächen, die der Main bei Hochwasser besonders heftig überschwemmt. Nicht nur der Okrifteler Friedhof kennt keinen Wassermangel, auch Anwohner des Hattersheimer Stadtteils mussten ihre Türen und Keller wegen des Wasserstandes schon mehrfach mit Sandsäcken sichern.

Dass die Okrifteler aber mit ihrem Grundwasser-Problem auf dem Friedhof nicht alleine sind, weiß Bodenkundler Professor Rainer Horn von der Uni Kiel. Er erforscht das Thema schon seit Jahren: „60 bis 70 Prozent der Friedhöfe in Deutschland haben das Problem, dass die Toten in den Gräbern nicht mehr verwesen. Denn von etwa 33.000 Friedhöfen hat jeder vierte mit verwesungsmüden Böden zu kämpfen“. „Die Verwachsung hat dann zum Teil heftige Ausmaße. Komplette Gesichtszüge werden so jahrzehntelang konserviert. Solche Friedhöfe gleichen dann Madam Tussauds Wachsfigurenkabinett“, sagt Horn.

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