Grusel auf dem Gottesacker: Totenruhe unter Wasser

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Müde Modergruben: Am Dieburger Friedhof sind jetzt Urnengräber und ein Kanaldeckel (links) an der Stelle, wo einst der Fluss lief. Ein Brunnen soll Nässe im Boden verhindern.

Dieburg/Groß-Umstadt – Auf unseren Friedhöfen verwandeln sich die Toten in Wachsleichen. Ursache: Der hohe Grundwasserspiegel und müde Böden. Dadurch gerät die Verwesung ins Stocken. Wird so ein Grab ausgehoben, stellt sich die Frage: Wohin mit der Leiche? Von Mareike Palmy

Die Baggerhydraulik zerquetscht den Sarg mit den nicht verwesten menschlichen Überresten.

„Da kommt mein Mann nicht rein, der kann nicht schwimmen“, sagt eine Dame kopfschüttelnd. In Dieburg sind die Wasserleichen auf dem Friedhof ein offenes Geheimnis. Alteingesessene Dieburger wissen, dass sich einst ein Bachlauf und ein See auf dem heutigen Friedhofsgelände befanden.

Auch dem Dieburger Bestattungsunternehmer Helmut Braun ist bekannt, dass Friedhofsgärtner hierzulande oft mehr aus dem Boden holen als ihnen lieb ist: „Es gibt Friedhöfe in der Region, wo das Problem mit den Wasserleichen vorherrscht. Auch in Dieburg ist der Boden immer noch in einem nassen Zustand.“

In der ehemaligen Kreisstadt versetzten Särge im Grundwasser, die Angehörigen der Toten schon vor Jahren in blankes Entsetzen. „Wir hatten den Fall, dass Leute befürchteten, ihre Verwandten würden zu Wasserleichen“, sagt Wolfgang Dörr, zuständig für die öffentlichen Einrichtungen in Dieburg. Doch die Vorstellung, dass der vor zehn Jahren bestatte Opa, im Grundwasser konserviert, problemlos noch ein Jahrhundert überdauern kann, scheint die Friedhofsverwaltung nicht zu gruseln: „Es kommt nur sporadisch vor, dass beim Aushub der Gräber Körperteile verwachst sind“, sagt Dörr. Zu hohe Feuchtigkeit im Boden verbunden mit mangelndem Sauerstoff verwandelt die Weichteile der Toten nicht mehr in Humus, sondern in eine grauweiße, wachsähnliche Masse. Laut Experten verstärken Angehörige das Problem zusätzlich durch ständiges Blumengießen.

Die Stadt Dieburg baute einen Brunnen, um das Grundwasser abzupumpen. Zudem wurde Erde aufgeschüttet. Inwieweit das hilfreich war, lässt sich nur vermuten, denn bisher gibt es keine Grundwasser-Messstelle. Dörr zeigt sich aber pragmatisch: „Was zu ist, ist zu. Und macht keine Probleme. Um der Gefahr künftig zu entgehen, gibt es an dieser Stelle nur noch Urnengräber.“

Wasserleichen sind deutschlandweites Problem

Professor für Bodenkunde Rainer Horn.

Dass die Dieburger mit ihrem schaurigen Phänomen nicht allein sind, weiß Bodenkundler Professor Rainer Horn von der Uni Kiel. Ererforscht das Thema schon seit Jahren: „Von etwa 33.000 Friedhöfen in Deutschland hat jeder vierte Friedhof mit verwesungsmüden Böden zu kämpfen. Meist jedoch im Stillen“, weiß Experte Horn: „Die Verwachsung hat zum Teil heftige Ausmaße. Komplette Gesichtszüge werden jahrzehntelang konserviert. Solche Friedhöfe gleichen dann Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett“, sagt Horn.

Auch am Groß-Umstädter Waldfriedhof ist das kein neues Thema: „Ja wir hatten das Problem hier auch schon“, bestätigt Rainer Michaelis von der Stadt. „Vom ehemaligen Förderverein Friedhof kam die Vermutung auf, dass sich Wachsleichen im Boden befänden“, so Michaelis. Nach Ablauf der Ruhezeit, die in Umstadt bei 30 Jahren liegt, konnten die Gräber geprüft werden. „Komplett verwachste Leichen gab es nicht“, sagt er. „Zur Vorsorge“ wurden dann aber doch Drainagen am Waldfriedhof gelegt, „die Staunässe und somit Wachsleichenbildung verhindern sollen“.

Kümmern sich die Friedhofsverwaltungen nicht um das bizarre Thema, bleibt den Totengräbern nur, die verwachsten Leichname so gut es eben geht zu bergen, und dann eine Ebene tiefer zu legen.

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