Die Grenze ist erreicht

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Vor allem Obst und Gemüse landen in den Kisten der Tafel, wie Felix Blaser in der Ausgabestelle in Bad Homburg zeigt.

Bad Homburg – Die Armutsquote steigt. Und zwar auch im reichsten Landkreis Deutschlands, im Hochtaunus. Das spürt die Bad Homburger Tafel. Dort hat man längst die Leistungsgrenze erreicht. Von Dirk Beutel

Seltene Kost: Wurst, Milchprodukte und Fertigkost gelten als Luxusware.

Gerade erst ist die Bad Homburger Tafel um eine ehrenamtliche Stelle größer geworden. Weil immer öfter Lebensmittelmärkte im Hochtaunus angefahren werden, suchte die Tafel nach einem Organisationstalent, das sich um die Koordinierung und Einsatzzeiten der Fahrer kümmert. In nur wenigen Tagen war die Stelle bereits besetzt. „Das Feedback für unsere Einrichtung ist erstaunlich gut“, sagt Felix Blaser, Mitarbeiter des evangelischen Dekanats Hochtaunus und Mitglied der Steuerungsgruppe, die sich um die mittlerweile fünf Ausgabestellen (drei in Bad Homburg, jeweils eine in Oberursel, Friedrichsdorf, Königstein und Neu-Anspach) der Bad Homburger Tafel kümmert.

Auch in einer der reichsten Regionen der Republik ist Armut nämlich ein Thema – und zwar ein immer größer werdendes. Das spüren die Mitarbeiter der Tafel hautnah. Mittlerweile versorgt die Einrichtung über 1290 Menschen, darunter fast 340 Kinder unter 14 Jahren. Zu den Betroffenen zählen Arbeiter aus dem Niedriglohnsektor, Alleinerziehende, Aufstocker oder Rentner mit geringen Bezügen. „Das ist hier wie in anderen Landkreisen auch“, sagt Blaser. Und der Bedarf nach günstigen Lebensmitteln steigt kontinuierlich. Dabei ist die Tafel längst an ihre logistische Leistungsgrenze gestoßen. „Wir können nicht weiter wachsen. Das Problem ist die Finanzierung“, sagt Blaser. Etwa 100.000 Euro im Jahr benötige man an Spenden. „Schon jetzt ist der Aufwand den wir betreiben, weitaus höher als der Ertrag.“  Denn trotz der ehrenamtlichen Helfer (30 im Fahrdienst, 52 sortieren die Lebensmittel, 32 in den Abgabestellen) muss die Einrichtung laufende Kosten wie Benzin oder Strom deckeln, die stetig größer werden. Eine Folge: Die Nahrungsmittelpakete im Wert von bis zu 35 Euro wurden von einem auf zwei Euro erhöht.

Die Lebensmittel, die, obwohl sie noch essbar sind, in der Mülltonne gelandet wären, stammen aus etwa 40 Supermärkten und von Einzelhändlern. Dabei stellt sich das Einsammeln immer wieder als Glücksspiel heraus:„Mal bekommen wir 15 Kisten, am nächsten Tag sind es nur drei“, sagt Blaser. Vor allem Obst, Gemüse und Backwaren landen in den grünen Kisten der Ausgabestellen. Fleisch, Fisch, Kaffee oder Milchprodukte sind dabei, allerdings wesentlich weniger oft. Damit es nicht zu Warteschlangen komme, müssen sich die Betroffene in der Diakonie registrieren lassen. Nachdem die Einkommensnachweise überprüft worden sind, erhalte jeder einen festen Abgabetermin.

Schamgefühle, auf so ein Hilfsangebot angewiesen zu sein, kommen nicht mehr ganz so häufig vor wie früher. Blaser: „Anscheinend überwiegt mittlerweile bei vielen die Not.“ Und die wächst weiter – auch im Hochtaunuskreis. „Denn wenn sich die Welt in ihren Grundwerten nicht ändert, wird sich das auch nicht ändern“, sagt Blaser.

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