Hattersheimer ist sauer

Plötzlich war der Grabstein weg: Steinmetz räumt Ruhestätte

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Nicht mehr viel da: Wilfried Baier vor dem abgeräumten Grab seiner Eltern auf dem Hauptfriedhof Oberursel.

Hattersheim/Oberursel – Als das Familiengrab seiner Eltern abzulaufen droht, denkt Wilfried Baier daran, den großen Grabstein in seinen Garten versetzen zu lassen. Zwei Steinmetze machten ihm ein Angebot. Der dritte räumt das Grab einfach ab – ohne schriftlichen Auftrag. Von Dirk Beutel 

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Was ist da nur schief gelaufen? Weil das Familiengrab seiner Eltern auf dem Oberurseler Hauptfriedhof Ende September 2013 nach 30 Jahren abgelaufen wäre, spielte Wilfried Baier mit dem Gedanken, zumindest den großen Granit-Grabstein in seinen Garten verlegen zu lassen. Dafür holte sich der Hattersheimer Kostenvoranschläge von drei Steinmetzen ein. Tatsächlich bekam Baier nur zwei Angebote auf den Tisch. „Der dritte der angefragten Steinmetze hat nicht lange gefackelt und das Grab komplett abgeräumt. Dabei wollte ich doch nur ein Angebot von ihm haben“, sagt Wilfried Baier mit zittriger Stimme.

Er ist immer noch fassungslos. Der Schock sitzt tief. Der etwa 1000 Kilo schwere Grabstein, die geschliffenen Granitplatten mit integrierter Laterne – alles verschwunden. „Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich die Grabstelle sah“, sagt Baier.

1000 Kilo schwerer Grabstein abgeräumt

Immer wieder versucht er mit der zuständigen Firma Meffert telefonisch Kontakt aufzunehmen. Ohne Erfolg. Baier zögert nicht lange, zeigt den Vorfall bei der Polizei in Hofheim an. Der Vorwurf: Sachbeschädigung, Diebstahl und Störung der Totenruhe. Weil alle auslaufenden Gräber am Eingang des Friedhofs in einem Schaukasten dokumentiert werden, hat er einen klaren Verdacht: „Jeder, der sich die Liste durchgelesen hat, wusste Bescheid. Einer hat es ausgenutzt, ohne Auftrag abgeräumt, um sich zu bereichern.“ Denn laut einer Experten-Schätzung habe das Grab nach aktuellen Herstellungspreisen einen Wert von rund 14.000 Euro.

Trotz aller Aufregung bleibt Baier mit der Oberurseler Friedhofsverwaltung in Kontakt. Aus Kulanz für seine Situation wurde das Grab um zwei weitere Jahre bis Ende September 2015 verlängert.

Steinmetz versteht die Aufregung nicht

Steinmetz Walter Meffert versteht die Aufregung nicht: „Der Mann rief mich an und wollte, dass ich den Stein in seinen Garten bringe. Weil der Stein aber so schwer ist, machte ich ihm klar, dass das so ohne weiteres nicht geht. Er braucht dafür ein Fundament.“ Zumal der Garten nicht direkt anfahrbar ist, müsste der Granit-Koloss über einen Zaun gehoben werden. Meffert zog dafür einen befreundeten Kollegen hinzu, der die entsprechende Ausrüstung besitzt. Doch in dem Moment, als der Stein auf der Ladefläche des Lkws stand, traute Meffert seinen Ohren nicht mehr: „Plötzlich war ich ein Grabräuber. Ich mache diese Arbeit seit 50 Jahren. Ich habe noch nie jemanden über den Tisch gezogen. Für mich war das ein mündlicher Auftrag und habe darauf reagiert.“ Meffert bestätigt, dass die gesamte Grabanlage immer noch in seinem Besitz sei. Nur wisse er nicht, was er nun damit machen solle: „Wenn man mir nicht gleich mit dem Rechtsanwalt gedroht und vernünftig mit mir gesprochen hätte, gäbe es kein Problem. Er muss mich nur anrufen.“ Tatsächlich seien mündliche Absprachen zwischen Kunde und Steinmetz nicht unüblich, wie Magnus Scheler vom Vorstand des Landesinnungsverband des Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerks in Hessen bestätigt: „Rechtlich gesehen sind diese genauso bindend wie schriftliche. Das Problem ist die Beweisführung im Streitfall.“

Wilfried Baier will das nicht hinnehmen. Obwohl ein Ermittlungsverfahren gegen den Steinmetz von der Frankfurter Staatsanwaltschaft. bereits eingestellt wurde, bemüht sich Baiers Anwalt weiter um eine Klage vor dem Frankfurter Landgericht. Baier: „Ich will, dass alles wieder hergerichtet wird, wie es vorher war.“

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