Tierliebe wird zum Verhängnis

Mieterin droht Kündigung wegen Füttern von Vögeln

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Gitta Leiberich versteht nicht, warum sie keine Vögel mehr füttern darf.

Neu-Isenburg – Weil eine 71-Jährige immer wieder im Garten Vögel gefüttert hat, wollte die Neu-Isenburger Gewobau sie rauswerfen. Ein nun vor Gericht geschlossener Vergleich verbietet ihr selbst das Aufhängen eines Meisenknödels. Von Christian Reinartz

Gitta Leiberich versteht die Welt nicht mehr. Die Rentnerin sitzt in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung an der Neu-Isenburger Schleussnerstraße vor einem angebrochen Zehn-Kilo-Sack mit Sonnenblumenkernen und lässt das Vogelfutter sehnsüchtig durch ihre Hände rinnen. Seit 30 Jahren füttert die 71-Jährige dort im Garten hinter dem Haus die Vögel. Zwei Vogelhäuser hat sie aufgestellt, fünf Meisenknödel aufgehängt. Hin und wieder habe sie in kalten Wintern auch den Krähen etwas Hackfleisch aufs Garagendach gestellt. „Ich weiß, dass das nicht einfach nachzuvollziehen ist, aber die Vögel haben mir einfach leid getan“, sagt sie reumütig. „Aber das war nur ein paar Mal. Eigentlich füttere ich nur Körner und Meisenknödel.“

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Diese Tierliebe wurde Leiberich nun fast zum Verhängnis. Und noch längst ist nicht klar, wie es für sie weitergeht. Denn die Neu-Isenburger Gewobau, das städtische Wohnungsbauunternehmen, hatte ihr die Wohnung erst gekündigt und dann eine Räumungsklage eingereicht. Begründung: „Wir müssen dafür Sorge tragen, dass keine Ratten und kein Ungeziefer angelockt werden“, sagt Gewobau-Geschäftsführer Stephan Burbach. Zudem hätten sich andere Mieter des Sechs-Parteien-Komplexes massiv über das Vogelfüttern beschwert.

Mit Räumungsklage unter Druck gesetzt

Vor Gericht bietet die Gesellschaft Leiberich dann einen Vergleich an. Der Deal: Sie füttert in Zukunft überhaupt keine Vögel mehr. Im Gegenzug verzichtet die Gewobau auf die Räumung. Rolf Janßen, Geschäftsführer des DMB Mieterschutzvereins in Frankfurt, erklärt: „Es kommt immer wieder vor, dass Vermieter die Menschen mit einer Räumungsklage unter Druck setzen, damit diese einem Vergleich zustimmen.“ Aber eigentlich gehöre das Füttern von Vögeln, zumindest auf dem eigenen Balkon, zu den grundsätzlichen Rechten eines Mieters. Das hätten zahlreiche Gerichtsurteile bestätigt. „Durch einen solchen Vergleich, wird das aber oft verwirkt.“ Zumal die Vermieter dann bei Zuwiderhandlung direkt und ohne Verhandlung die Wohnung räumen lassen könnten.

Gütliche Einigung

Als der EXTRA TIPP Stephan Burbach damit konfrontiert, räumt er ein: „Ja, es ist Teil des Vergleichs, dass wir bei Zuwiderhandlung die Wohnung räumen lassen können.“ Er stellt aber klar: „Wir wollen in jedem Fall eine gütliche Einigung mit unserer Mieterin.“ Die Gewobau habe kein Interesse daran, jemanden einfach vor die Tür zu setzen. Im konkreten Fall könne man das daran erkennen, dass der Streit ums Vogelfutter schon einige Jahre andauere.

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Für Gitta Leiberich ist die aktuelle Situation trotzdem ein Drama. Denn auf der einen Seite fürchtet sie den Verlust der Wohnung. Auf der anderen sieht sie immer wieder Singvögel in den leeren Vogelhäusern, wie sie nach Futter suchen. „Ich fühle mich hinters Licht geführt“, sagt Gitta Leiberich. „Aber so einfach gebe ich mich nicht geschlagen.“

Nun will sie wenigstens ab und zu Sonnenblumenkerne in die Vogelhäuschen streuen, um ihren liebgewonnen Piepmätzen die kalte Jahreszeit zu erleichtern. „Ich hoffe nicht, dass die Gewobau wirklich im Stande ist, eine 71-Jährige auf die Straße zu setzen.“

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