Immer weniger wollen Gesetzeshüter werden

Nachwuchssorgen schlimmer als die Polizei erlaubt

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Kollege händeringend gesucht: Immer weniger qualifizierte Bewerber entscheiden sich für den Job als Polizist.
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Region Rhein-Main – Die Gewerkschaften schlagen Alarm: Der hessischen Polizei fehlt es an Nachwuchs. Grund: Demografischer Wandel, zu lange Arbeitszeiten, kaum Karrierechancen und der Lohn ist bescheiden. Das überfordert zunehmend die Truppe. Von Dirk Beutel

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Immer weniger Schulabgänger wollen Polizist werden. Das ist alarmierend und ruft unabhängig voneinander die Gewerkschaft der Polizei (GdP), die sich für die Belange aller Polizisten, vom Verwaltungsmitarbeiter bis zum Zoll, einsetzt, sowie die Deutsche Polizeigewerkschaft im Deutschen Beamtenbund (DPoIG) auf den Plan. Und das sehr deutlich: „Kein anderes Bundesland geht so arrogant und missachtend mit seinen Bediensteten um wie Hessen“, heißt es in einer Mitteilung des Hessischen Verbandes der Gewerkschaft der Polizei. Deren hessischer Landesvorsitzender Andreas Grün: „Der Polizeiberuf in Hessen ist sehr unattraktiv geworden. lm Besoldungsranking aller Polizeien der Länder und der Bundespolizei rangieren die hessischen Ordnungshüter auf dem vorletzten Platz. Bei der Wochenarbeitszeit sind wir Spitzenreiter.“

Grund ist die Sparpolitik der hessischen Landesregierung. Das bestätigt Heini Schmitt, Landesvorsitzender der DPolG Hessen: „Hessen baut 150 Tarifbeschäftigte ab bei der Polizei, hat die höchste Wochenarbeitszeit. Andere Länder stellen häufig günstig Unterkünfte und freie Heilfürsorge zur Verfügung. In Hessen gibt es in diesem Bereich kaum Angebote.“

"3,2 Millionen Überstunden sind nicht weg zu diskutieren"

Nehme man diese Punkte zusammen und die Tatsache, dass Polizisten selbst immer öfter zum Hassobjekt und Opfer von Gewalttaten werden, ergibt sich ein düsteres Bild: Immer weniger Polizisten müssen immer mehr Aufgaben übernehmen. Und das, obwohl die Abwehr von islamistischen Terrorangriffen oder Großeinsätze wie Blockupy, G7 oder auch der Dauerstress bei den Einsätzen rund um die radikale Hooliganszene bei Fußballspielen immer mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Folgen: Überbelastung und Krankmeldungen am laufenden Band. „Ein Berg von 3,2 Millionen Überstunden ist nicht mehr weg zu diskutieren“, sagt Grün.

Aber auch der demografische Wandel ist dafür verantwortlich, dass sich immer weniger junge Menschen für den Polizeiberuf entscheiden. Grün: „In den nächsten fünf Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge bei der Polizei in Pension. Schon heute müssten wir deutlich mehr Personal einstellen, um dieser Entwicklung gerecht zu werden.“

Polizei spürt den Kampf um die besten Abiturienten

Brisant: Die schlechte Qualifikation der Bewerber. Immer weniger erfüllen die Anforderungen bei der Einstellung. Bis zu zehn Prozent scheitern vor allem am psychologischen Eignungstest, der aus einer Mischung aus Konzentrations-, Intelligenz- und Rechtschreibtest besteht. Schmitt: „Die Privatwirtschaft sucht händeringend nach Abiturienten und kann attraktivere Jobangebote machen. Der Fachkräftemangel trifft auch uns.“

Zum Vergleich: Im Jahr 2011 zählte die Hessische Polizeiakademie noch 6164 Bewerbungen, in diesem Jahr kommt man bislang nur auf 5263, wobei für den Ausbildungsstart im September noch Bewerbungen angenommen werden. Man gibt dort zu: „Auch in der hessischen Polizei ist ein Rückgang der Bewerberzahlen zu registrieren. Und der Konkurrenzdruck zwischen den Arbeitgebern wird sich erheblich verschärfen“, sagt Akademie-Sprecher Andreas Kaltz.

Dirk Beutel

Dirk Beutel

E-Mail:dirk.beutel@extratipp.com

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