Gefesselt im Klinikum Offenbach

Tochter klagt an: Vater gegen ihren Willen ans Bett gefesselt

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Bei seinen Liebsten im heimischen Wohnzimmer: Tochter Sükriya und Ehefrau Verde haben Gevriye Dursun in die Mitte genommen.

Offenbach/Rodgau – Gevriye Dursun sitzt auf der weichen Couch in seinem Wohnzimmer. Der 78-Jährige ist ein wenig schläfrig. Aber er fühlt sich sichtlich wohl. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, als Besuch hereinkommt. Von Norman Körtge

Mit einer einladenden Geste weist er auf den Sessel neben ihn. Es bleibt bei der Geste. Den Dursun ist stumm. Seit fast 30 Jahren, als ihm eine Kehlkopferkrankung die Stimme raubte. Wenn er sie noch hätte und von seinem Aufenthalt im Klinikum Offenbach erzählen könnte, dann wäre es keine schöne Geschichte, sondern die eines Leidens.

Dafür spricht seine Tochter Sükriya Dursun.„Sie haben ihn wie ein Stück Vieh behandelt“, sagt sie.

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Rückblick: Am 29. Januar wurde Gevriye Dursun mit einem Schlaganfall ins Klinikum Offenbach eingeliefert. In den folgenden Tagen war sein Gesundheitszustand sehr bedenklich. „Er war dem Tode näher als dem Leben“, erinnert sich die Tochter. Das schlimmste allerdings für sie und ihre Familie war, dass der 78-Jährige am Krankenbett fixiert wurde – zu seiner eigenen Sicherheit. „Wenn er alleine ist, ist das ja auch völlig in Ordnung. Aber wenn Angehörige da sind, ist das doch nicht nötig“, meint sie. Zumal ihre Mutter Verde jeden Tag mehrere Stunden dort verbrachte, sogar auf dem Stuhl schlief.

Doch als Antwort bekam sie nur, dass ihr Vater fixiert bleiben müsse. „Wenn wir das nicht wollen, dann müsste er in ein anderes Krankenhaus verlegt werden“, wurde ihr vom Krankenhaus-Personal gesagt. In ihrer Not wand sie sich an das Beschwerdemanagement des Klinikums. Und das handelte: EinOberarzt veranlasst, dass Gevriye Dursun nicht mehr am Bett fixiert wird, wenn Angehörige anwesend sind. „Warum musste ich diesen Weg erst gehen?“, fragt sie sich im Nachhinein.

Klinikums-Sprecherin Marion Band führt dafür mehrere Gründe an. Zur Vermeidung eines Erstickungstodes sei das regelmäßige Absaugung von Schleim aus Dursuns Atemwegen zwingend erforderlich gewesen. Dagegen habe sich der Patient aber energisch gewehrt. Da höchste Eile geboten war, Dursun aber fast nur Aramäisch versteht und der Dolmetscherdienst diese äußerst seltenen Sprache nicht übernehmen konnte, musste für die lebensrettenden Maßnahmen und zur Vermeidung von Verletzungen die Fixierung des Patienten angeordnet werden. Außerdem sei für die betreuenden Ärzte nicht ersichtlich gewesen, wer von den Angehörigen berechtigt ist, Entscheidungen zu treffen. Dies sei erst klar geworden, als sich Sükriya Dursun ans Beschwerdemanagement wendete.

Das bestreitet Dursun:„Mein Bruder hat seine Handynummer dort gelassen und gesagt, dass sie ihn Tag und Nacht anrufen können. Er hat nie einen Anruf bekommen.“ Beim Absaugen muss ihr Vater höllische Schmerzen gehabt haben, berichtet die Tochter. In ihren Augen sei dabei sehr rabiat vorgegangen worden.

Nur einen Tag nach Dursuns Anruf beim Beschwerdemanagement wurde ihr Vater am 14. Februar zur Weiterbehandlung in die Frankfurter Uni-Klinik verlegt. „Dort ist man mit uns viel freundlicher umgegangen. Man hat meiner Mutter sogar ein Bett angeboten“, erzählt die Tochter.

Am Bett fixiert wurde er dort auch nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Gevriye Dursun unternahm dort bereits am ersten Tag seine ersten Gehversuche.

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