Schamlose Schaulustige schaden den Helfern und Opfern

Gegen Unfall-Gaffer sind Rettungskräfte machtlos

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Perfide Sensationslust: Bei einem Autounfall auf der A5 auf der Höhe des Frankfurter Flughafens, bei dem im Dezember fünf Menschen verletzt wurden, versammeln sich zahlreiche Gaffer auf einer nahegelegenen Brücke.

Region Rhein-Main – Endlich ist hier mal was los – Gaffer zieht die Lust auf eine Sensation magisch an. Um einen möglichst guten Blick auf die Arbeit der Polizei und Rettungskräfte zu erhaschen, blockieren die Voyeure Rettungswege und erschweren die Arbeit der Helfer. Von Dirk Beutel

Ein Verkehrsunfall, ein Wohnhausbrand, ein Polizeieinsatz, ein landender Hubschrauber. Wenn Polizei und Rettungskräfte im Einsatz sind, um Leben zu retten, sind Gaffer nicht weit. Sensationslüsterne schamlose Schaulustige, die die Lust am Leid anderer antreibt und sie anzieht wie Motten das Licht. Voyeure, die eher zum Smartphone greifen, um ein gestochen scharfes Foto oder ein Video von einem Unfall aufzunehmen, als selbst zu helfen oder Hilfe zu rufen. Um möglichst nah am Geschehen dran zu sein, werden Anstand und Moral einfach vergessen. Je schlimmer ein Unfall, desto besser. Je brutaler und blutiger eine Schlägerei, schon bilden sich Menschentrauben. Während es bei den Helfern um jede Sekunde geht, jeder Handgriff und Ablauf sitzen muss, schaffen es die passiven Gaffer sogar, Rettungswege zu blockieren und schaden damit massiv den Opfern.

Gaffer bringen sogar sich selbst in Gefahr

Die Gier der Gaffer geht soweit, dass sie sich sogar selbst in Gefahr bringen. Wie zuletzt am 5. Januar auf der A661 bei Frankfurt-Eckenheim. Dort kollidierte am Abend ein BMW M3 mit einem Kleinwagen. Noch während Feuerwehr und Rettungsdienst beschäftigt waren, verursachten auf der Gegenfahrbahn zwei Gaffer einen weiteren Unfall. Die Fahrerin eines VW Polos war einem vor ihr fahrenden Kastenwagen ins Heck gekracht. Unglaublich: Beide Unfallbeteiligten ließen ihre Autos auf der linken und mittleren Spur stehen und spazierten seelenruhig um die Autowracks herum, was beinahe zu weiteren Unfällen geführt hätte. Und offenbar gibt es immer mehr von der Sorte. Mit ein Grund dafür sind Smartphones, mit denen man ein Unglück blitzschnell festhalten kann. „Tendenziell würde ich sagen, hat der Trend Unfälle zu fotografieren zugenommen“, sagt Andreas Grün, Hessischer Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. Auch Cornelius Blanke, Sprecher des ADAC Hessen-Thüringen, wundert sich nicht: „Unsere Gesellschaft wird zunehmend anonymer, gleichzeitig nimmt die Hilfsbereitschaft ab.“

Blickschutz ist im Notfall zweitrangig

Das Schlimme: Strafen haben Gaffer laut Andreas Grün in der Regel keine zu erwarten: „Wenn sie die Arbeit der Polizei oder Feuerwehr behindern, kann ein Platzverweis ausgesprochen werden, der nötigenfalls unter Zwang durchgesetzt werden kann. Aber es gibt keinen Tatbestand Gaffer.“ Dennoch ist das Glotzen moralisch verwerflich: „Grundsätzlich besteht die Situation, dass durch das Gaffen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte von betroffenen Personen genommen wird“, sagt Uwe Sauer, Chef der Offenbacher Feuerwehr: „Andererseits werden Einsatzkräfte instruiert, mit Decken oder Planen einen Sichtschutz herzustellen, um Einsichten zu verhindern. Das stört die Einsatzabwicklung. Im Zweifelsfall geht die Menschenrettung natürlich vor und der Blickschutz wird erst später hergestellt.“

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