Kanaluntersuchung

Städte warnen vor Abzockern

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Arbeiten am Kanal können Besitzer teuer zu stehen bekommen. Vor allem, wenn Firmen mit unseriösen Angeboten aufwarten.

Taunus – Abwassereigenkontrollverordnung: Ein kompliziertes Wort, mit dem viele Hauseigentümer nichts anfangen können. Einige Gauner allerdings schon. Und die nutzen das Unwissen der Bürger im Taunus seit Wochen zunehmend aus. Von Julia Renner

Eine Änderung des Wasserhaushaltsgesetzes aus dem Jahr 2010 und eine daraus entstandene Verordnung machen sich die Betrüger zunutze. Die besagt, dass Zuleitungskanäle und private Bewässerungsanlagen überwachungsbedürftig sind. Konkret wird die Eigenkontrollverordnung: „Hauseigentümer müssen ihren Kommunen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt mitteilen, ob ihre Kanäle am Haus dicht sind“, erklärt Jürgen Wolf, technischer Betriebsleiter der Stadtwerke Bad Soden. Bis Ende 2024 haben sie dafür Zeit. Lediglich in Trinkwasserschutzgebieten muss schon bis Ende 2015 geprüft sein, ob alles dicht ist.

Mit dieser Regelung, sagt Wolf, sind 99 Prozent der Menschen überfordert. „Und das nutzen Kanalhaie aus.“ Die klingeln vornehmlich bei älteren Menschen und bieten eine günstige Kanal-TV-Inspektion an. Ein Unternehmen aus Steinbach gar für den „Sonderaktionspreis“ unter 90 Euro. Und dieser Preis sollte die Bürger stutzig werden lassen, denn: „Das ist auf gar keinen Fall ein realistischer Preis“, heißt es beim Bad Sodener Unternehmen HHS Kanaltechnik. Die Kosten für eine TV-Inspektion seien abhängig von der Größe des Kanals und dem Zeitaufwand, der betrieben werden muss, aber generell müsse man mit mindestens 300 Euro rechnen.

Firma will von Vorwürfen nichts wissen

Wieso das Unternehmen aus Steinbach diese Arbeit so günstig anbieten kann, darauf bekommt der EXTRA TIPP auf Nachfrage keine Antwort. Stattdessen kommt eine E-Mail einer Anwaltskanzlei, in der darauf hingewiesen wird, dass „alle Preise“, die die Mandantin verlange, „angemessen sind“.

Wie es in einer Pressemitteilung der Stadt Bad Soden heißt, sollen laut der Stadt Vertreter der Steinbacher Firma den Eindruck erweckt haben, dass sie im Auftrag der Stadt handeln. „Dies ist nicht der Fall“, stellt die Verwaltung eindeutig klar. Auf Nachfrage will die Steinbacher Firma von den Vorwürfen nichts wissen: „Das Gespräch ist beendet, weil mit Lügen kann ich nichts anfangen.“ Im Anwalts-Schreiben wird betont, dass kein Mitarbeiter behaupte, im Auftrag einer Stadt zu handeln.

Bezug nimmt das Anwaltsschreiben auch auf einen anderen Aspekt. Ein Mitarbeiter der Stadtwerke Bad Soden hatte dem Steinbacher Vertreter der Firma untersagt, weiter Kunden in Bad Soden anzuwerben. Der Mitarbeiter wollte das Gespräch protokollieren, worauf sein Gegenüber mit „rechtlichen Schritten“ drohte. Auf die Frage des EXTRA TIPPs, warum der Mitarbeiter das Gespräch nicht protokollieren durfte, heißt es, dass es das gute Recht der Mitarbeiter sei, sich so etwas zu verbitten.

Wer unterschrieben hat, braucht rechtliche Unterstützung

Einige Bad Sodener, die der Steinbacher angesprochen hatte, haben einen Vertrag gleich an der Haustür unterschrieben. Von einem solchen Haustürgeschäft zurückzutreten sei zwar möglich, sagt Ute Bitter von der Verbraucherzentrale Hessen. Allerdings müsse das im Einzelfall geprüft werden. Wer einen solchen Vertrag unterzeichnet habe, solle sich rechtliche Unterstützung holen, rät Bitter.

Bei der Polizei sind derweil keine Anzeigen wegen Betrugs eingegangen. Die meisten Bürger haben sich lediglich bei den örtlichen Stadtwerken gemeldet. Polizeisprecher Andreas Beese weist darauf hin, dass man an der Haustür auf keinen Fall Geschäfte abschließen soll. Und Jürgen Wolf von den Stadtwerken sagt: „Wenn eine Firma im Auftrag der Stadt unterwegs ist, wird das vorher von uns angekündigt.“ Einige Kommunen haben Info-Abende zur Abwassereigenkontrollverordnung angesetzt: In Hattersheim am Donnerstag, 29. März, um 19 Uhr in der Stadthalle. In Bad Soden gibt es Ende April eine Bürgerversammlung.

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