Kapellen-Streit auf dem Hauptfriedhof

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Die Kapelle für einen verstorbenen Roma neben dem Ehrengrab von Luise und Leo Gans.

Frankfurt – Es ist ein Mausoleum oder eine Kapelle, doch einige bezeichnen das Aussehen als Gartenhütte oder gar als Klohäuschen. An den in diesem Jahr gebauten Sinti-und-Roma-Grabmalen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof scheiden sich die Geister. Von Norman Körtge

Eine von zwei Sinti-Roma-Kapellen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.

Der Frankfurter Ehrenbürger, Mäzen und Industrielle Leo Gans starb am 14. September 1935. Beigesetzt wurde er auf dem Frankfurter Hauptfriedhof neben seiner Frau Luise, die bereits 1927 gestorben war. Der Magistrat der Stadt Frankfurt hat ihre letzte Ruhestätte zum Ehrengrab ernannt. So steht es auf dem kleinen knallroten Schild. Doch die Blicke bleiben seit ein paar Wochen an dem Grab links daneben haften, wo ein Mann beerdigt ist, der zum Volk der Roma gehörte. Vor allem deshalb, weil das Erscheinungsbild in dem Umfeld gewöhnungsbedürftig ist. Es ist nämlich ein kleines Häuschen – mit Ziegeldach, Wasserrinne, Glasbausteinen als Fenster und einer weißen Kunststoff-Eingangstür.

Ich bin schockiert“, sagt Günter Moos. Der Autor des Heftes „Wegweiser zu den Grabstätten bekannter Persönlichkeiten auf Frankfurter Friedhöfen“ stellt klar, dass er absolut nichts gegen Sinti und Roma, noch gegen die für westliche Augen oft kitschig anmutenden Bestattungsrituale hat. „Ich habe da eine künstlerische Ausarbeitung erwartet. Aber das ist ja Baumarkt-Stil. Das passt dort einfach nicht“, kritisiert er.

Respekt vor anderen Bestattungskulturen

Auch Harald Fester, der die Internetseite www.hauptfriedhof-frankfurt.de betreibt, berichtet über kopfschüttelnde Friedhofsbesucher und böse Sprüche. Die meist gestellte Frage an ihn: Warum wurde dies erlaubt? „Ich kann nachvollziehen, dass nicht alle die Kapelle gut oder schön finden“, sagt Harald Hildmann, stellvertretender Leiter der Abteilung für Friedhofsangelegenheiten. Bei der Errichtung wurde die Friedhofsordnung eingehalten, sagt er und bittet zugleich um Respekt vor anderen Bestattungskulturen. Für ihn stellt sich auch die Standortfrage nur bedingt. Jeder habe – soweit es möglich ist – das Recht auf die freie Auswahl. „Es sind jeweils Einzelfallentscheidungen“, erklärt Hildmann und stellt klar: Es wäre diskriminierend, wenn solche Gräber an den Rand gedrängt würden oder nur in einer Ecke zulässig wären.

Den hinter vorgehaltener Hand geäußerten Vorwurf, die Friedhofsverwaltung habe dem Bau nur zugestimmt, weil dafür viel Geld gezahlt wurde, wiegelt er kategorisch ab: „Der Friedhof finanziert sich zwar über Gebühren. Doch das bedeutet nicht, dass die Friedhofsverwaltung drauf und dran ist, mit der Genehmigung von solchen Kapellen Einnahmen zu generieren.“ Auch wenn in diesem Jahr bereits zwei solcher Bauten auf dem Friedhof errichtet wurden, glaubt er nicht, dass dies zum Regelfall wird. Aber es sei Ausdruck eines nicht nur auf Sinti und Roma beschränkten Wunschs auf individualisierte Gräber. Auch deshalb sei die Friedhofsordnung geändert worden. Dass man weg von der „DIN-Norm“ ist, findet auch Ebba D. Drolshagen gut. Die Autorin des Buches „Der melancholische Garten, der Frankfurter Hauptfriedhof und seine Grabdenkmäler im 19. Jahrhundert“ kann den Wirbel um andere Bestattungsrituale nicht ganz nachvollziehen. Die Frankfurterin glaubt, dass es einigen Menschen einfach nur Unbehagen bereitet, dass sie nicht so aufwändig ihrer Toten gedenken, wie in diesem Fall eine Roma-Familie.

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