Menschen sind zu abgestumpft, um es überhaupt zu merken

Frankfurter, merkt ihr nix? Wasser wird immer süßer!

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Christian Loos hat es bemerkt: Das Frankfurter Leitungswasser schmeckt süß. Er braucht nicht mal mehr Zucker im Kaffee.

Frankfurt – Das Frankfurter Leitungswasser wird immer süßer. Das hat Christian Loos bemerkt. „Als ich noch ein Kind war, war das Wasser aus dem Hahn wesentlich neutraler“, erinnert er sich. Die Süße sei zwar nicht so stark, dass man sie sofort herausschmecke, aber eine Grundsüße ist immer vorhanden. Loos: „Früher hab ich zwei Stück Zucker im Kaffee gebraucht. Mittlerweile trinke ich ihn schwarz.“ Von Christian Reinartz

Die Ursache für die liebliche Note Leitungswassers sieht er im steigenden Konsum von Süßstoffen. In der Tat ist der Anteil von Diät-Produkten in Supermärkten in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen. Selbst die Discounter-Ketten bieten mittlerweile ganze Light-Produktlinien an. Loos Vermutung: „Ich glaube, dass sich die Süßstoffe über unser Abwasser irgendwann im Grundwasser ablagern und es auf Dauer süßer machen.“

Biologe Hubert Schreiber von der Hessenwasser, die das Trinkwasser für Frankfurt liefert, bestätigt Christian Loos´ Vermutung: „Die Süßstoffe sind mittlerweile im Grundwasser nachzuweisen. Auch in Frankfurt haben wir das schon getan.“ Doch warum Loos sie herausschmeckt, kann er sich nicht erklären: „Das sind sehr geringe Konzentrationen, die nicht zu schmecken sind.

Nicht nur der Kaffee, auch das Leitungswasser wird durch Süßstoff immer süßer.

Bildet sich Loos also alles nur ein? Die Ernährungsmedizinerin Regina Schapfeld ist da anderer Meinung: „Wir essen einfach immer süßer und stumpfen gewissermaßen ab.“ Experten gehen sogar davon aus, dass sich der Zucker- und Süßstoffkonsum in den letzten Jahrzehnten um bis zu 30 Prozent gesteigert hat. Die Folge: Der Geschmackssinn der ganzen Gesellschaft hat sich verändert. Deshalb schmeckt das Wasser auch für die meisten Frankfurter neutral, obwohl es längst süß ist. Einen ähnlichen Effekt könne man in Ländern beobachten, in denen viel Scharfes gegessen werde. Dort wird die Schärfe auch erst ab einem gewissen Level überhaupt wahrgenommen. Schapfeld: „Es kann sein, dass die Schwelle da noch nicht überschritten ist.“

Daran werde sich auch erstmal nichts ändern, solange Fertigprodukte im Supermarkt hoffnungslos übersüßt seien, mutmaßt Schapfeld. Hält der Trend an, und wandert in den nächsten Jahren noch mehr Süßstoff in die Kanalisation, werden viele Menschen davon nie etwas mitbekommen. Denn durch immer exzessiveren Süß-Konsum steigt die Schwelle der Wahrnehmung.

Eine Gefahr geht von dem Süßstoff im Trinkwasser bisher nicht aus, sind sich Experten sicher. Dieser künstliche Zucker werde von nahezu allen Menschen in viel höherer Konzentration mit der täglichen Nahrung zu sich genommen.

Für Christian Loos ist das aber kein Trost: „Mir schmeckt das Wasser einfach nicht mehr.

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