Frankfurter Rollstuhlfahrer kritisiert Ignoranz vieler Deutscher

"Ausländer sind hilfsbereiter"

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Francois Ben Hadj hat die Erfahrung gemacht, dass Ausländer hilfsbereiter sind als Deutsche.

Region Rhein-Main - Es ist offenbar nicht selbstverständlich, dass Behinderten geholfen wird, wenn sie mit dem Rolli vor einer Tür stehen oder nicht über die Bordsteinkante kommen. Ein Frankfurter macht seinem Ärger nun Luft: „Deutsche helfen fast nie, Ausländer  immer!“ Von Christian Reinartz

Wenn jemand Ignoranz  zu spüren bekommen hat, dann Francois Ben Hadj. Der gebürtige Frankfurter sitzt seit vier Jahren im Rollstuhl und hat es satt, in der Öffentlichkeit immer wieder völlig hilflos dazustehen. „Denn hier im Rhein-Main-Gebiet hilft einem fast keiner, wenn man in der Klemme steckt“, klagt der 37-Jährige. Besonders enttäuscht ist er von Bus- und Straßenbahnfahrern. „Ich habe es schon häufiger erlebt, dass die sich einfach geweigert haben, die Rampe hinten für mich auszuklappen“, sagt Ben Hadj. „Oder sie sind einfach weitergefahren, obwohl ich mich bemerkbar gemacht habe.“ Seine Beschwerden bei der Verkehrsgesellschaft  Traffiq  seien allesamt nicht beantwortet worden.

Viele Deutsche sind genervt und gehen weiter

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Die steigende Ignoranz stoppen 

„Viele Deutsche sind eben genervt, wenn man sie um Hilfe bittet und gehen einfach weiter“, sagt Ben Hadj. „In den allermeisten Fällen sind es Ausländer, die mir helfen, wenn ich in der Öffentlichkeit nicht weiterkomme.“ Zwar gebe es auch da Ausnahmen, „aber dass Menschen einfach im Weg stehenbleiben, wenn ich etwa in den Bus will, das erlebe ich fast ausschließlich bei Einheimischen.“ Eine Erklärung für dieses rücksichtslose Verhalten hat Ben Hadj nicht. Aber eine Vermutung. „Ich denke, dass Ausländer einfach in ihrer Erziehung einen ganz anderen Zusammenhalt gelernt haben. Und dieser schließt natürlich auch alte und gebrechliche Familienmitglieder ein.“ Die Deutschen dagegen verhielten sich nach dem Prinzip „Ellenbogengesellschaft“. „Das haben sie so gelernt, also verhalten sie sich auch so in der Öffentlichkeit.“ Ben Hadj legt Wert darauf, dass er selbst gebürtiger Frankfurter ist, auch, wenn sein Vater aus Tunesien, stammt. „Nicht, dass mir noch einer den Vorwurf daraus macht, ich würde mich als jemand mit Migrationshintergrund über die Deutschen beschweren.“

Behindertenbeauftragte kann Ben Hadj verstehen

Die Behindertenbeauftragte der Stadt Frankfurt, Friederike Schlegel, kann Ben Hadj verstehen. „Auch mir ist das schon aufgefallen. Allerdings fahre ich sehr selten mit den Öffentlichen, sodass ich das nicht als generelle Haltung der Menschen in Frankfurt einschätzen würde.“ Auch beim Allgemeinen Behindertenverband bestätigt man, dass viele Menschen wenig hilfsbereit sind, wenn ein Behinderter Unterstützung in der Öffentlichkeit braucht. „Oft sind es gerade die, die es im Leben nicht so leicht haben, wie Obdachlose oder kranke Menschen, die einem helfen, wenn sie sehen, dass man aus ihrer Sicht nicht weiterkommt“, sagt Sprecher Lutz Niestrat .

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