Vor genau drei Jahren

Unschuldig im Knast wegen Mordes: Sie haben mir mein Leben geklaut!

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Detlef Saemann auf dem A5-Parkplatz „Im Steingrund“ (südliche Richtung) bei Mörfelden-Walldorf. Er ist ein Schwulentreffpunkt. Im angrenzenden Wald geschah der Mord.

Region Rhein-Main – Der Frankfurter Detlef Saemann saß vor drei Jahren wegen abstrusen Mordverdachts unschuldig im Knast. Sein Glaube in den deutschen Staat ist bis heute zerstört – doch Entschuldigungen sind auch bei größtem Unrecht nicht vorgesehen. Von Jens Dörr

25 Euro pro Tag – das ist dem deutschen Staat als Entschädigung ein Bürger wert, der unschuldig im Gefängnis saß. So wie Detlef Saemann: Zwei Wochen verbringt er im Juli 2010 in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt. Der Vorwurf: Mord. Ein fataler Irrtum der Ermittler, wie sich nach Panne auf Panne schließlich herausstellt. Und einer, der Saemann aus der Bahn wirft, wie der heute 51-jährige Frankfurter dem EXTRA-TIPP erzählt: „Du wirst ein anderer Mensch. Sie haben mir mein Leben geklaut.“

Skurrile Indizien reichen für eine Verhaftung

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Drei Jahre sind seit dem Tag vergangen, als sich Detlef Saemanns bis dato erfülltes Leben auf einen Schlag änderte. Wenige Meter vom A5-Parkplatz „Im Steingrund“ (südliche Richtung) bei Mörfelden-Walldorf entfernt wird ein Mann erschossen. Der Parkplatz gilt bis heute als Treffpunkt homosexueller Männer. „Die meisten sind auf der Suche nach schnellem Sex im angrenzenden Wald“, wie Saemann – selbst seit acht Jahren mit einem festen Partner liiert – sagt.
Dort also passierte der Mord eines Mannes im Juli 2010. Saemann gerät schnell ins Visier der Fahnder. Dass er schwul ist und das Opfer kennt, reicht den Ermittlern neben einer Reihe skurriler „Indizien“ für eine filmreife Festnahme aus. Wie das „verräterische“ Autokennzeichen F-KK etwa, schnell zum Nudisten machend, obwohl „KK“ lediglich die Initialen seines Patenkindes sind, wie der Verdächtige erst später erklären darf. Die Tochter des Opfers redet zudem schlecht über Saemann. Auch das zeitweise ausgeschaltete Handy des Frankfurters kommt den Ermittlern verdächtig vor. Das Alibi, das ihm sein Partner gibt, interessiert ebenfalls kaum. Stattdessen sperrt die Polizei den Partner ebenfalls ein. Der gesamte Haftbefehl liest sich wie ein Aprilscherz zur falschen Zeit. Vor seiner Wohnung in Bockenheim erfolgt der Zugriff durch sieben, acht schwer bewaffnete Beamte.

Das Martyrium geht immer noch weiter

Zwei Wochen voller „Arroganz der Macht“ später, in denen er – früher unter anderem freiwillig als Schöffe tätig – seinen Glauben in den Rechtsstaat verliert, ist mangels Beweisen die Inhaftierung nicht mehr zu halten, der Spuk scheinbar vorbei. Ein halbes Jahr später wird der richtige Mörder von Beamten in Baden-Württemberg – gefasst.

Doch Saemanns Martyrium geht weiter. „Ich bin zwar ein stabiler Mensch“, sagt Saemann heute. „Mein seelischer Zustand ist aber immer noch ein anderer.“

Das Trauma von 2010 hat tiefe Spuren hinterlassen. Beruflich und damit finanziell hat Saemanns Karriere einen Genickschlag erhalten. Schwer wogen vor allem am Anfang die Symptome seiner verwundeten Seele. „Schlafstörungen, Albträume bis hin zum Schreien, schlaflose Nächte“, nennt Saemann. Vor seinem Haus blickte er sich nun stets panisch um – „immer diese Angst vor der Polizei.“

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