Fingerspitzengefühl bei Armprothese

"Meine erste Prothese habe ich mit 16 oder 17 Jahren bekommen", erinnert sich Kozian. Die wurde damals in Köln, wo sie herstammt, noch per Hand modelliert. Heute kommen die Körperersatzteile, wie sie Gesetzgeber und Krankenkassen nennen, aus dem Katalog und werden nur noch angepasst.

Bei Gerburg Kozian beginnt der künstliche Unterarm etwa fünf Zentimeter unterhalb des Ellenbogens. Warum das so ist, weiß niemand so genau. "Der Unterarm war einfach nicht da."Kozian ist Bürokauffrau. Dass sie diesen Beruf ausübt, verdankt sie auch ihrem Vater. Als sie in der Schule eine Schreibmaschinenkurs belegen wollte, bekam sie keinen Platz. Als Grund gaben die Lehrer an, dass sie den anderen Mitschülern, die zwei gesunde Arme haben, einen Platz wegnehme. Daraufhin schlug der Papa in der Schule ordentlich Krach, sie bekam den Platz und schloss den Kurs mit Note zwei ab. Ein Paradebeispiel für die sozialen Probleme, die Kozians Behinderung auch im 21. Jahrhundert noch für sie bedeuten.

Zurück zur Prothese. Die wird, bei dauerndem Gebrauch, dreckig. Außen und innen. Täglich muss Gerburg Kozian den Kunstarm, den sie seit Februar 2005 hat, reinigen. Doch irgendwann hat sich der Dreck in die Außenschicht gefressen, ein neuer Kunststoffbezug muss her.Kozians Argument, dass sie die Prothese zum beziehen zwei bis dreimal im Jahr nach Köln zum Sanitätshaus ihres Vertrauens schickt, gilt für die Barmer nicht. Eine Woche muss die 53-Jährige dann auf die Prothese verzichten. "Es dauert allein drei Tage, bis der Überzug getrocknet ist". Unsinn, meint der Gutachter, das geht in 15 Minuten.Die ganzen Entzündungen, die durch Reibung am Armstumpf trotz Pflege, Salben und regelmäßiger Reinigung entstehen, kann Kozian nicht mehr zählen. Zum Arzt geht sie deswegen nicht. "Vielleicht mache ich das in Zukunft." Kostet die Kasse dann vielleicht mehr als 961 Euro für eine neue Prothese. Sie habe schließlich schon immer zwei Stück gehabt. Allerdings: Verordnet war immer nur eine, sie hat bis dato ihre alte Prothese von 1993 weiter benutzt.Kurzum: Die Barmer Ersatzkasse verweigert Kozian eine zweite Prothese. Nachdem sie die beantragt hatte, wurde sie zum Medizinischen Dienst nach Oberursel bestellt. Für Kozian eine Neuheit, da musste sie noch nie hin. Das Gutachten: Vernichtend. Medizinisch sei eine Ersatzprothese, im Kassen-Jargon "Zweitversorgung" genannt, nicht notwendig.

Die Barmer und auch der Gutachter beziehen sich auf die aktuelle Gesetzeslage. Paragraf 33 im Sozialgesetzbuch fünf besagt, dass Körperersatzteile zum Ausgleich einer Behinderung verordnet werden müssen. Über Arbeitsausfälle und soziale Nachteile steht da nichts. Auch die für den Barmer-Beschluss einschlägige Richtlinie des Bundesausschusses des Ärzte und Krankenkassen schlägt in die selbe Kerbe. Auch eine andere Krankenkasse hätte so gehandelt. Ralf Metzger, Pressesprecher der AOK Hessen: "Wir würden auch den Medizinischen Dienst zu Rate ziehen".Kozian hat alle Widerspruchsmöglichkeiten ausgeschöpft, ohne Erfolg. Ihr bliebe nur der Gang vor Gericht. Den will sie sich allerdings ersparen und die Prothese selbst zahlen.

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