Wenn Fett zur Bedrohung wird

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Übergewicht ist längst zur Volkskrankheit avanciert. Für viele Fettleibige ist eine Operation der einzige Weg, um abzunehmen.

Frankfurt - Immer mehr Fettleibige in Deutschland lassen sich den Magen verkleinern. Die Operationszahlen steigen: Vor allem die Klinik Sachsenhausen ist für krankhaft Übergewichtige schon lange die erste Adresse. Von Dirk Beutel

Professor Rudolf Weiner.

Volkskrankheit Übergewicht: Die Kluft zwischen Normal- und Übergewichtigen nimmt in Hessen immer mehr zu. Laut einer aktuellen Statistik der DAK-Krankenkasse ist die Zahl der Magen-verkleinerungen zwischen 2008 und 2010 um satte 46 Prozent gestiegen. Hessen belegt in Deutschland den dritten Platz. Laut DAK kein Wunder: Es leiden immer mehr Menschen an Übergewicht, oder wie der Mediziner sagt, an Adipositas.
Professor Dr. Rudolf Weiner ist Chefarzt der Chirurgie des Krankenhauses Sachsenhausen. Er gilt als Koryphäe auf dem Gebiet und ist der Grund, warum die Klinik deutschlandweit das höchste Ansehen hinsichtlich der Andipositas-Chirurgie genießt. Er kritisiert, dass Politik, Gesellschaft und die Krankenkassen die Probleme von Übergewicht immer noch nicht erkannt haben. Dass krankhafte Fettleibigkeit aber auf dem Vormarsch ist, belegen Weiners OP-Zahlen: Er und sein Team haben vergangenes Jahr etwa 600 Patienten den Magen verkleinert. Tendenz steigend.

Dr. Klaus Winckler.

Nicht nur das: Die Mediziner in Sachsenhausen kümmern sich auch um Voruntersuchungen, die komplette Nachsorge und was noch viel wichtiger ist: Sie beantragen die Leistungen bei der Krankenkasse. Damit ist die chirurgische Adipositas-Abteilung die einzige in Deutschland, die nach amerikanischem Vorbild arbeitet. Doch die Zusammenarbeit mit den Kassen erweist sich als mühsam: Das bestätigt auch Dr. Klaus Winckler. Der Frankfurter Internist beschäftigt sich seit etwa zehn Jahren mit Adipositas. Bei den Betroffenen streuen sich schnell noch weitere Krankheiten ein: Bluthochdruck, Diabetes und Schlafapnoe sind oft die Folge.
Von Schäden an Knochen und Gelenken ganz zu schweigen. Trotzdem zahlt nicht jede Kasse. Und das, obwohl das Bundessozialgericht klare Kriterien formuliert hat. „Sogar wenn feststeht, dass herkömmliche Therapien fehlgeschlagen sind, weigert sich gut und gerne die Hälfte aller Krankenkassen die Kosten einer Magenverkleinerung zu übernehmen“, schildert Winckler. Und das, obwohl die Therapiekosten für Folgekrankheiten weit höher liegen, als die einer Operation (zwischen 6000 und 12.000 Euro).

Deutschland bei den Magen-OPs noch Entwicklungsland

Der Ernährungsmediziner erklärt: „Solchen Menschen hilft in vielen Fällen nur eine Magenverkleinerung. Auf herkömmlichem Weg abzunehmen, ist in diesem Zustand unmöglich.“ An Adipositas leidet, wer mehr als fünf Jahre einen Body-Mass-Index über 40 hat, erklärt Winckler. (Zum Vergleich: Bei einer 1,70 Meter großen Frau würde dies 117 Kilo bedeuten.) Professor Weiner geht einen Schritt weiter und stellt fest: „Die Forderungen und Konzepte der Kassen sind völliger Schwachsinn. Bei stark Übergewichtigen ist die Fettmasse so hormonell aktiv, dass etwa dauerhaftes Fasten nicht zum Abnehmen führen würde. Nicht einmal, wenn sie sich zu Tode hungern würden.“

Deshalb gelte eine Magenverkleinerung als einziger Ausweg. Der allerdings bei uns zur Ausnahme gehört. Hierzulande werden im Jahresschnitt etwa 6000 Übergewichtige operiert. Zum Vergleich: Im kleineren Belgien sind es rund 4500, in der Schweiz 5000 und in Frankfreich 15.000 Operationen. Aber auch bei uns in Deutschland wird es in Zukunft noch mehr Magenverkleinerungen geben, prophezeit Winckler: „Möglicherweise knacken wir in zwei oder drei Jahren die Grenze von 10.000 Operationen im Jahr.“

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