In fast keiner deutschen Kommune leben mehr Kinder in Armut als in Offenbach Die Stadt der  armen Kinder

Die Stadt der armen Kinder

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Tafel-Chefin Christine Sparr packt kostenlose Lebensmittel in die Tüte von Manuela Pfitzer und ihrer Kinder. Sie ist sauer auf die Stadt Offenbach und fordert: „Tut endlich was für eure Kinder!“

Offenbach – Zu wenig Essen, löchrige Schulranzen, nicht genug Taschengeld – in Offenbach ist das an der Tagesordnung. Fast nirgends in Deutschland gibt es mehr Kinder, die in Armut leben, belegt eine aktuelle Studie der Bertelsmannstiftung. Während man im Rathaus versucht, die Situation zu beschwichtigen, hat die Offenbacher Tafel-Chefin die warmen Worte satt: „Statt euer Image aufzupolieren, tut endlich was für unsere armen Kinder!“ Von Christian Reinartz

Davon gibt es nämlich laut einer aktuellen Studie der Bertelsmannstiftung mehr als in den meisten anderen deutschen Städten und Landkreisen. In Offenbach sind 34,4 Prozent der Kinder arm. Nur in Bremerhaven und in einigen wenigen Städten wie Halle an der Saale liegt die Quote knapp höher.

„Endlich spricht es mal jemand aus“, sagt Christine Sparr, Chefin der Dependance der Frankfurter Tafeln in Offenbach, die kostenlos Lebensmittel an Arme und Bedürftige verteilt. Schon lange weise sie auf diesen Missstand hin, aber bei der Stadt interessiere das offenbar niemanden, sagt Sparr: „Stattdessen sind die Herren im Rathaus damit beschäftigt, neue Radwege anzulegen oder Unternehmen nach Offenbach zu holen. Unsere armen Kinder fallen da hinten runter.“

Auch Hartz-IV-Empfängerin Manuela Pfitzer kommt mit ihren Kindern einmal pro Woche zur Tafel. Sie weiß, wie schwer es arme Kinder in Offenbach haben. „Hier bekommt man keine Unterstützung“, ärgert sich die Mutter: „Es gibt ja nicht mal Freizeitangebote für Kinder, die wirklich erschwinglich sind.“

Andere Kommunen und Kreise machen es dagegen vor, weiß Sparr: „In Frankfurt kümmert sich die Stadt ganz selbstverständlich über den Regelsatz hinaus um die Kinder.“ Dazu gehöre etwa der Frankfurt-Pass, der ermäßigten Eintritt in Museen oder Schwimmbäder gewährt. „Das steigert die Lebensqualität extrem“, sagt Sparr: „Das fehlt hier in Offenbach völlig. Ich habe das Gefühl, die handeln hier nach dem Motto: Sprich nicht über die Armen, dann merkt schon keiner, dass es sie gibt.“

Selbst bei der Einrichtung der Tafel in der Offenbacher Krafftstraße habe die Stadt, laut Sparr, wenig Interesse gezeigt. „Und unterstützt werden wir bis heute nicht. Das sind ausschließlich Firmen und private Spender.“

Im Rathaus kann man die Aufregung nicht verstehen. Bürgermeisterin Birgit Simon: „Es gibt zahlreiche Angebote mit denen wir armen Familien und Kindern unter die Arme greifen.“ Dazu gehörten etwa eine finanzielle Unterstützung für das Mittagessen im Kindergarten. Hinzu kämen Sprachförderung und Elternschulprogramme. „Aber das sind vielleicht Dinge, die die Betroffenen nicht sofort sehen“, vermutet Simon. Hoffnung setzt sie auch in das Teilhabepaket der Bundesregierung, das Kindern etwa die Mitgliedschaft in Sportvereinen und Musikschulen ermöglichen soll. „Wir stehen da im Moment in Gesprächen mit diversen Einrichtungen“, sagt Birgit Simon.

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