Pflege-Beruf: Ohne Ansehen keine Zukunft

Immer weniger Bewerber für Pflegeberufe

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Notstand in der Altenpflege: In Deutschland gibt es viel zu wenig Pflegekräfte.

Region Rhein-Main – Die Zukunft der deutschen Pflegeheime ist asiatisch. Egal ob in China, Vietnam oder den Philipinnen – überall sucht die Bundesregierung händeringend nach Fachkräften für die Altenpflege. Nur mit hiesigen Personal ist der Pflegenotstand nicht abzuwenden. Von Norman Körtge

„Im Pflegebereich ist Deutschland ein Entwicklungsland“, bringt es Marliese von Keitz-Kalisch vom Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe auf den Punkt. In vielen anderen Ländern hat der Pflegeberuf einen akademischen Grad, berichtet sie. Und deshalb ärgere es von Keitz-Kalisch auch furchtbar, dass die Arbeitsagentur immer wieder versucht, Menschen, die schon mehrmals auf ihrem beruflichen Weg gescheitert sind, mit der Aussage „Pflege geht noch“ in diesen Bereich zu vermitteln. So entstünden auch die Klischees vom „rauchenden, dicken ungepflegten Altenpfleger“, der zum Hintern-Abwischen da ist.

Dabei wird in der dreijährigen Ausbildung zur Pflegefachkraft neben umfangreichem medizinischen Wissen auch ein breit gefächertes Fachwissen im Bereich der Alterswissenschaften, Psychologie und Soziologie vermittelt. „Schließlich haben wir es im Beruf mit Menschen zu tun“, sagt von Keitz-Kalisch.

Pflegeberufe haben schlechtes Image

Ebenso schwerwiegend wie die Vorurteile sei die fehlende Anerkennung in der Gesellschaft. Von Keitz-Kalisch berichtet von Umfragen, die ergeben haben, dass für die Zufriedenheit im Beruf die Anerkennung an oberster Stelle steht – und dann erst das Gehalt komme. Bei letzterem stünden ausgebildete Altenpfleger gar nicht so schlecht da, meint Karl van Engelen, der vor vier Jahren in Frankfurt das „Kommit – Internationales Bildungszentrum Rhein-Main für Pflegeberufe“ mitgründete. „Wer gut verhandelt, kann auf 2200 bis 2400 Euro brutto kommen“, meint er. Auch van Engelen setzt auf eine gesellschaftliche Aufwertung des Berufs, indem die Professionalität der Dienstleistung hervorgehoben wird.

Die leidet aber derzeit darunter, dass es viel zu wenig Fachpersonal gibt. 10.000 offene Stellen in der Altenpflege meldete jüngst die Bundesagentur für Arbeit. Van Engelen kann von Situationen berichten, in denen ein Altenpfleger und ein Helfer für 40 Bewohner verantwortlich waren. Schlechter können Arbeitsbedingungen kaum sein. Das Frustpotenzial ist hoch und alles andere als eine Werbung für den Beruf. Um dem entgegenzuwirken, kommt es daher auch auf eine gute Personalführung in den Heimen an, sagt der Kommit-Gründer.

Ausländische Fachpflegekräfte unumgänglich

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Einig sind sich die beiden Pflegekraft-Experten, dass kein Weg an der Anwerbung von ausländischen Fachpflegekräften vorbei führt. „Selbst wenn es hier genügend Bewerber gebe, könnten wir gar nicht so schnell ausbilden“, sagt van Engelen. Da laut Schätzung des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit zirka 2,6 Millionen bis 2020 die Drei-Millionen-Marke erreichen wird, ist handeln gefragt. Nicht umsonst sucht die Bundesregierung auf dem asiatischen Markt nach qualifizierten Arbeitskräften wie etwa auf den Philippinen. Hauptproblem dürften dabei aber die Sprachbarrieren und die doch großen kulturellen Unterschieden werden.

„Uns muss bewusst sein, dass das keine billigen Arbeitstiere sind“, macht van Engelen deutlich. Die Filipinas sind gut ausgebildet, haben eine vierjährige akademische Ausbildung genossen. „Das tut Deutschland hoffentlich ganz gut“, hofft von Keitz-Kalisch.

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