Brandgefährlich: Falsche Helden bei der Feuerwehr

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Groß-Zimmern – Die Brandserie hält die Gemeinde weiter in Atem. Zusätzlich erschütterte der Selbstmord eines 17-Jährigen den Ort. In einem Abschiedsbrief gesteht der junge Mann, für drei von über 20 Bränden, die seit Mai in Groß-Zimmern gelegt wurden, verantwortlich zu sein. Er war Mitglied der Feuerwehr. Von Dirk Beutel

Frank Stolt

Vergangene Woche erreichte die Brandserie in Groß-Zimmern ihren vorläufigen Höhepunkt: Eine Schreinerei stand in Flammen. Der Schaden: Mehrere 100.000 Euro, verletzt wurde niemand. Der Brand geschah am Morgen des gleichen Tages, an dem der Leichnam des 17-jährigen Klein-Zimmerners beerdigt wurde. Der Jugendliche, der Mitglied der dortigen Freiwilligen Feuerwehr war, gestand, für drei der über 20 Brände verantwortlich zu sein.

Nach Angaben des Deutschen Feuerwehrverbandes sind im Jahresschnitt in Deutschland etwa ein Dutzend Fälle bekannt, bei denen ein Feuerwehrmann ein Brandstifter war. Dies entspricht einem Verhältnis von 1:3000. „Dies ist zwar eine zu vernachlässigende Größe, die aber nicht mehr auf dem neuesten Stand ist“, sagt Frank Stolt. Er ist vereidigter Sachverständiger für Brand- und Explosionsursachenermittlung, Kriminologe und gleichzeitig seit seinem 17. Lebensjahr Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Mannheim. Er kennt beide Seiten: Die der Ermittler und die der Feuerwehr. Stolt betreibt derzeit eine Studie zu diesem Thema. „Nicht die Täter und nicht die Feuerwehren sind das Problem, sondern die Verbände, die das Thema vom zündelnden Feuerwehrmann gerne verharmlosen“, sagt der Fachmann, der seine Studie zwar gerade in einem Buch veröffentlicht („Brandstiftung durch Feuerwehrangehörige – Erkennung und Prävention“), sie aber dennoch weiterführt und aufmerksam die Medien nach solchen Fällen durchforstet.

Winfried Barnett

Er fand heraus: „Allein dieses Jahr zähle ich bundesweit schon um die 30 Brandstiftungen von Feuerwehrleuten“. Seiner Ansicht nach ist es unverständlich, warum die Verbände auf diese Entwicklung nicht reagieren. Ausschließlich die Freiwilligen Feuerwehren haben dieses Problem. Stolt fordert daher eine Art Tutor, einen pädagogisch geschulten Kümmerer, der die jungen Menschen von ihrem ersten Tag in der Freiwilligen Feuerwehr an an die Hand nimmt und klar formuliert: Falsche Helden werden hier nicht gebraucht. „Man denke nur, wie lange es gedauert hat, bis sich Notfallseelsorger bei den Wehren etabliert haben.

Stolts Vorwurf: Die Freiwilligen Wehren werben sogar mit Slogans wie etwa „Helden gesucht“, doch der Alltag der Brandschützer sei eher mühsam. Das Aufgabenspektrum reiche vom Beseitigen einer Ölspur bis zum Auspumpen überschwemmter Keller. Einen Brand zu löschen, gehöre zwar auch dazu, sei aber in der Realität die Ausnahme. Doch könne man gerade beim Feuerlöschen seine Fähigkeiten als Feuermann unter Beweis stellen, so die These des Sachverständigen.

Die Täter sind auch Opfer

Ähnlich sieht es der Berliner Neurologe und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin, Winfried Barnett: „Das häufigste Motiv für Brandstiftungen freiwilliger Feuerwehrleute ist der Wunsch, sich beim Löschen hervorzutun und Anerkennung zu ernten. Diese jungen Männer sind oft die Ersten und Übereifrigsten am eigenen Tatort. Geltungsdrang spielt da eine Rolle.

Das Tragische dabei: Diese Täter seien auch Opfer. Es handele sich, so sagen die Experten, meist um junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, Menschen, die sich selbst noch nicht wirklich gefunden haben. „Dabei sind das gute Typen“, sagt Stolt. Sie seien eifrig und wissbegierig, sehnten sich jedoch nach Geltung und danach, ein Held zu sein. Jedoch sei dies der falsche Ansatz.

Denn die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr habe nichts mit den Abenteuern in einem Actionfilm zu tun. Im Gegenteil: Es seien gerade die kleinen Leistungen, wie eine Katze vom Baum zu retten, die diese Einrichtung und ihre Mitglieder so wertvoll und wichtig machten.

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