Weil Vermieter Rechnungen der Versorger nicht mehr zahlen

Erben uneins: Jetzt bekommt der letzte Mieter kein Gas mehr

Seligenstadt - Drama im Seligenstädter Stadtteil Klein-Welzheim: Weil sich eine Erbengemeinschaft als neue Vermieter uneins ist, verwahrlosen ihre Gebäude. Die Mieter ziehen reihenweise aus. Eine Physiotherapie-Praxis muss jetzt sogar mit Elektro-Heizkörpern heizen. Von Axel Grysczyk

Mario Likus (rechts) und Heike Parnow (Zweite von rechts) mit ihrem Team werden weiter für ihre Patienten da sein. Zahlreiche Heizkörper, so wie der vorne im Bild, sollen 175 Quadratmeter Praxis auf Wohlfühltemperatur bringen. Links Sandra Ellermann-Wittke, die mit ihrer Praxis das Haus bereits verlassen hat.

Es ist eine Schande: Weil sich drei Erben nicht einigen können, sind mehrere Existenzen in Klein-Welzheim in Gefahr. Unternehmer müssen Geld in die Hand nehmen und umziehen, sich neue Kundenstämme aufbauen oder auf das Verständnis ihrer Kunden hoffen. So wie die Physiotherapie-Gemeinschaftspraxis von Heike Parnow und Mario Likus in der Walinusstraße 19 bis 21, eine Liegenschaft, die besonders hart von den Versäumnissen der neuen Eigentümer getroffen wurde. Seit 17 Jahren arbeiten die zwölf Therapeuten in diesem Haus, betreuen von 7.30 bis 20 Uhr in sieben Behandlungszimmern rund 80 Patienten pro Tag. Immer problemlos. Doch seit Januar 2014 geht es bergab. Damals ist ihr unkomplizierter, hilfsbereiter Vermieter gestorben. Die Erben, eine dreiköpfige Erbengemeinschaft, erschwert seitdem die Arbeit der Praxis fast jeden Monat mehr. Zunächst wurde ein paar Monate später, nachdem die neuen Eigentümer das Sagen hatten, dem Hausmeister gekündigt. Die Ergotherapeutin Sandra Ellermann-Wittke – mit einer 120-Quadratmeter-Praxis mit fünf Mitarbeitern im Haus vertreten – schippte daraufhin den Schnee weg. Seit diesem Frühjahr gibt es auch keine Reinigung mehr im Haus. Zuvor wurde den Patienten bereits das Parken im Hof verboten. Obwohl Parkplätze im Mietvertrag vereinbart wurden, sperrt eine Kette die Parkflächen ab.

Mietvertrag wurde extra verlängert

Die Mieter kündigen, verlassen das Haus. Nur die Physiotherapie-Gemeinschaftspraxis ist noch da. Heike Parnow: „Wir hatten unseren Vertrag extra verlängert, weil alles zuvor hier super lief. Jetzt können wir erst zum 31. Dezember raus.“ Die restliche Zeit wird immer härter. Die Vermieter reagieren nicht, dafür die Versorger. Die Entega hat der Praxis mitgeteilt, dass sie ab sofort das Gas abstellen. Nach Rückfragen von Parnow stellt sich heraus: Die Praxis zahlt zwar jeden Monat die 100-Euro-Umlage, aber die Vermieter reichen sie nicht an die Entega weiter. Und da die Praxis nicht Vertragspartner mit dem Versorger ist, kann sie nichts machen. Mitinhaber Likus: „Das können wir unseren Patienten nicht zumuten. Daher haben wir für alle Räume Elektro-Heizungen gekauft, um bis Dezember noch heizen zu können.“ Auch die Gesamt-Miete von rund 1500 Euro haben sie gestoppt.

Wenigstens die Stromversorgung ist sicher

Für Heike Parnow ist wichtig, dass sie sich stets korrekt verhalten haben. „Wir sind immer unseren Verpflichtungen nachgekommen. Uns ist wichtig, dass da kein falscher Eindruck entsteht.“ Ein Restaurant ist bereits umgezogen, alle Praxen im Haus sind weg, ein Elektro-Geschäft in der Umgebung nutzt andere Räume und weitere Kleinunternehmer in der Umgebung sind betroffen. Die Gemeinschaftspraxis muss durchhalten. 2016 beziehen sie moderne Räume in der Willi-Brehm-Straße 6. Ein Trost: Der Stromversorger EVO hat zugesichert, dass sie den Strom bis zum Umzug nicht abklemmen werden. Der Testamentsvollstrecker der Erbengemeinschaft, Hubert Meilinger, ist im Ausland. Daher könne er nicht detailliert Stellung nehmen. Der Rechtsanwalt lässt mitteilen, dass ihm die Situation sehr leid täte. Das Problem sei, dass sich ein Erbe weigert, eine ordentliche Mietverwaltung aufzustellen.

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