Endlich bin ich die Christine!

Offenbach/Bensheim - Mehr als ein halbes Jahrhundert hat der seit 2007 völlig erblindete Paul Grünebaum im falschen Körper gelebt. In dem eines Mannes. Bereits seit vergangenem Jahr heißt Paul offiziell Christine. Von Norman Körtge

Vor zwei Wochen hat sie sich im Frankfurter Markus-Krankenhaus das letzte Stück Paul wegschnippeln lassen. Die Geschlechtsumwandlung ist abgeschlossen. Sie ist jetzt wirklich eine Frau und kann nun sagen: Endlich bin ich die Christine. So lautet auch der Titel des Liedes, das die blinde Offenbacher Künstlerin Löweline geschrieben und gesungen hat.

Jetzt kann in meinem Leben endlich Ruhe einkehren“, sagt Christine Grünebaum zufrieden und ergänzt mit einem Lachen in der Stimme: „Mit 51 Jahren werde ich langsam vernünftig.“ Grünebaum sitzt zusammen mit Lebensgefährtin Elke in ihrer Wohnung in Bensheim.

Ihr galt auch der erste Gedanke als sie nach der rund vierstündigen Operation – Hodenentfernung, Harnröhrenverkürzung, Bildung einer Neo-Vagina – aus der Narkose erwachte. Immerhin hat Grünebaum in Elke den Menschen gefunden, der ihr die nötige Kraft und Ruhe für das Vorhaben gab.

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Ich habe mich ja nie als Mann gefühlt“, erzählt sie von ihrem Leidensweg. Begriffe wie Transsexualität oder Transidentität waren ihr lange Zeit unbekannt. 1984 heiratete sie als Paul eine Frau. „Ich wollte das alles überspielen. Ich bin als Mann geboren, also muss ich auch einer sein“, erzählte sie bereits im Februar dem EXTRA TIPP. Und dann hatte sie ihr erstes Coming-Out. Die Ehe zerbrach. 1993 fand sie Anschluss an die Offenbacher Selbsthilfegruppe „Transidentitas“, begann eine Psychotherapie, brach sie aber ab. Erst als Elke in ihr Leben trat, fasste sie neuen Mut: Vornamenänderung, psychologische Gutachten, Zustimmung der Krankenkasse, Hormontherapie und jetzt die Geschlechtsumwandlung.

Die Operation verlief ohne Komplikationen. Eine Woche durfte Grünebaum das Bett nicht verlassen, musste möglichst ruhig auf dem Rücken liegen. Vor dem Eingriff lernte sie Sara kennen. Eine Luxemburgerin, die sich ebenfalls hat umoperieren lassen. „Sie hat mir viele wichtigen Tipps für die ersten Tage nach der Operation gegeben“, berichtet Grünebaum von ihrer neuen E-Mail-Freundin. Noch ist Christine Grünebaum krankgeschrieben. Erst wenn alle Schwellungen zurückgegangen sind und sie wieder ohne Hilfsmittel sitzen kann, wird sie wieder ihre Stelle im Finanzamt Bensheim antreten.

Im nächsten Jahr will Grünebaum dann mit Elke nach Rothenburg ob der Tauber reisen. Ein Ort, der für Elke eine ganz besondere Bedeutung hat. Sie besuchte das mittelalterliche Städtchen einst mit ihrem zwischenzeitlich verstorbenen Mann. „Ich habe ihm versprechen müssen, dort nie mit einem anderen Mann hinzufahren“, erzählt sie. Mit Christine geht dies nun, weil sie jetzt eine Frau ist.

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