Einsparungen treffen Behinderte

Beförderungsdienst: Verlosung verhöhnt Betroffene

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Nahezu den ganzen Tag muss Willy Sauer im Bett verbringen. Der Frankfurter ist auf den Beförderungsdienst der Stadt Frankfurt angewiesen

Frankfurt  – Die Sparmaßnahmen beim Frankfurter Beförderungsdienst finden immer neue Gegner. Nach dem EXTRA TIPP-Artikel will sich Willy Sauer an der Klage gegen die Stadt Frankfurt beteiligen. Von Dirk Beutel

Ans Bett gefesselt und voller Wut: Willy Sauer  macht seinem Namen alle Ehre. Er ist sauer. Sogar stinksauer. Die Neuregelung der Stadt Frankfurt wegen des Beförderungsdienstes für körperlich Behinderte stößt dem 73-Jährigen extrem sauer auf. Lachen musste der Frankfurter aber, als er in seinem Briefkasten einen Fragebogen zu seiner Behinderung vorfand, verbunden mit einer Verlosung. Wer sich bereiterklärt, hat die Chance, sein finanzielles Kontingent von jährlich 500 Euro aufzustocken. Ein Schlag ins Gesicht des zu 100 Prozent Behinderten.

Verlosungsaktion der Stadt sorgt für Aufregung

„Das ist ja wohl der Hammer. Erst kürzen sie am Fahrdienst herum, dann machen sie eine Verlosung daraus.“ In der Tat: Es werden 10 mal 100 Euro unter allen Einsendern verlost, die einen ausgefüllten Fragebogen einreichen. Als Sauer im EXTRA TIPP vom Leidensgenossen Harry Silz erfährt, der die Stadt Frankfurt wegen der Sparmaßnahmen verklagen will, verspürt er neue Angriffslust: „Ich würde da glatt mitmachen. Ich brauche die Fahrten des Beförderungsdienstes, um etwas zu erleben, um am Leben da draußen teilzunehmen. Aber was die Stadt da macht, ist eine Frechheit.“ Willy Sauer muss die meiste Zeit in seinem Bett verbringen. Sein linkes Bein ist steif, die Hüfte komplett kaputt, mehrfach operiert. Dazu kommt Morbus Bechterew. Die Erkrankung greift seine Wirbelsäule und die dort sitzenden Nervenbahnen an.

4,9 Millionen Euro müssen eingespart werden

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Fakt ist aber: Frankfurt muss sparen. Und zwar durch alle Dezernate querbeet. Im sozialen Bereich mussten 2013 etwa 5,2 Millionen Euro und in diesem Jahr müssen nach Angaben der Stadt noch einmal 4,9 Millionen Euro eingespart werden. „Diese Summe haben wir auf die verschiedenen Zielgruppen unseres Dezernats verteilt – der Beförderungsdienst ist mit einer Einsparung von einer Million Euro betroffen“, sagt Manuela Skotnik, Sprecherin des Sozial-Dezernates. Was bezweckt die Stadt aber mit dem Fragebogen und der dazugehörigen Verlosung? Skotnik erklärt: „Wir haben Anfang Januar alle Nutzer des Beförderungsdienstes angeschrieben. Um eine möglichst hohe Rücklaufquote zu erreichen, haben wir einen Anreiz geschaffen und den Fragebogen mit einer Verlosung verbunden.“ Die Sprecherin verweist auf einen Beschluss der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung, dem nur unter bestimmten Maßgaben zugestimmt wurde – wie dem Fragebogen.

„Die Auswertung der Fragebögen und deren Ergebnisse bieten die erforderliche Grundlage zur Beurteilung der realen Nutzung und der zukünftigen Bedarfe“, sagt Skotnik. Den Fragebogen will Sauer auf jeden Fall nicht ausfüllen und abschicken, „Das Ganze ist doch nicht mehr als ein Witz“, sagt der 73-Jährige: „Was sind denn schon 100 Euro? Wenn ich mit meiner Frau zu unserem Garten fahren will, kostet das schon alleine um die 23 Euro – für eine einfache Fahrt.“

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