Einsamer Tod in der Wohnung: Keiner informiert Familie

Roland

Offenbach – Als der K   ollege ihres Bruders fragt, wann die Beerdigung stattfindet, ist Monika Sommer geschockt. Ihr Bruder Roland soll schon eine Woche tot sein? Sofort ruft die Rodgauerin bei der Polizei an. Nach zwei Stunden der Rückruf: „Ja, der ist tot. Einen natürlichen Tod gestorben. Wo er jetzt ist, wissen wir nicht.“ Von Axel Grysczyk

Nach einigem hin und her beseitigt das Offenbacher Friedhofsamt die Ungewissheit. „Er liegt bei uns“, lautet die Auskunft. Wenn genau herausgefunden werden soll, was die Todesursache gewesen ist, sind 650 Euro fällig.

Monika Sommer alarmiert ihre Geschwister. Mit ihrem Bruder Rolf aus Rodgau fährt sie zum Bestatter. Sommer: „Der hat uns erklärt, dass jetzt nicht die Stadt, sondern wir alles bezahlen müssen. Und dass er schon morgen verbrannt wird. Sein Tipp: Ein Massenbegräbnis. Das wäre das Billigste.“

Sommer versteht die Welt nicht mehr. Hätte der Arbeitskollege nicht nachgefragt, sie hätte vom Tod ihres eigenen Bruders nichts erfahren. Da er allein in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung in Offenbach-Bieber wohnte, wäre er schon beerdigt gewesen, bevor die nächsten Angehörigen – die Eltern leben nicht mehr – Nachricht bekommen hätten. Sommer: „Sie haben ihn behandelt wie ein Stück Dreck im Müll, das man einfach entsorgt. Warum hat uns Geschwister niemand informiert?“, fragt sie.

„Die Polizei braucht nicht zu informieren“, klärt Henry Faltin von der Polizei-Pressestelle auf. Wenn es einen klaren Hinweis in der Wohnung auf einen Angehörigen gäbe, würden die Beamten die Todesmitteilung überbringen. Ein Muss sei das nicht. Die Meldung über den Toten gehe an den Staatsanwalt.

Bei Roland E. war das wohl nicht möglich. Der Unverheiratete war ein Eigenbrödler, lebte zurückgezogen. Sein Leben: Seine zwei Katzen, die Arbeit und der Alkohol. In den letzten vier Wochen seines Lebens muss er die Kontrolle über den Alltag verloren haben. „Er war krank zum Schluss. Seine Katze hatte ihn in die Ferse gebissen“, sagt sein Nachbar Wolfgang Bischoff. Fakt ist, dass die Wohnung verwahrlost ist, die Katzen ihr Geschäft überall verrichtet hatten. Monika Sommer: „Die haben gedacht, der ist ein Penner und wollten ihn schnell entsorgen.“

Aber so sei der 53-Jährige nicht gewesen. Sein Chef habe Monika Sommer nochmal versichert, dass er immer pünktlich war und die CNC-Maschine einwandfrei bedient hat. Doch privat ist sein Leben auf den Alkohol ausgerichtet gewesen. Sommer: „Aber das gibt niemanden das Recht, auf so eine Art und Weise mit Roland umzugehen und uns nicht zu informieren.“

Informationen hätten Sommer und ihre Geschwister von der Stadtverwaltung bekommen müssen. Offenbachs Ordnungsamtsleiter Peter Weigand bestätigt: „Der Staatsanwalt informiert uns. Und wir versuchen dann über Meldeämter herauszufinden, ob es da noch Angehörige gibt.“ Schließlich wolle man nicht auf den Beerdigungs-Kosten sitzen bleiben. Fest steht auch: Irgendwann müsse man einen Toten auch beerdigen. Im Fall von Roland E. waren die Recherchen wohl noch nicht soweit. Für Sommer und ihre Geschwister ist der Albtraum weiter gegangen. Dass von der Polizei neu installierte Schloss an Rolands Wohnung hat jemand aufgebrochen. Die Wohnung ist leer. Der Flachbild-Fernseher, der Laptop, die X-Box – alles weg. Obwohl es auf den Fotos der Polizei vom Auffinden der Leiche im Hintergrund zu sehen ist und sich Kaufquittungen im Papiermüll finden lassen. Sommer: „Im Haus haben wir zwei Osteuropäer angetroffen. Wir haben sie angesprochen und plötzlich sind sie geflüchtet.“ Die Geschwister haben den Vermieter angezeigt.

Von ihrem Bruder ist ihnen zunächst nichts geblieben. Nach Recherchen haben Bestatter und Polizei noch etwas gefunden: Eine Uhr, eine Halskette und ein Notizbuch. Dort steht Monika Sommers Telefonnummer drin.

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