Albtraum Einbruch: Die Illusion sicher zu sein

Wenn die Seele geschnitten wird

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Nach einem Einbruch ist alles anders. Viele Opfer leiden an Angstzuständen, ziehen sich zurück.

Region Rhein-Main – Massenphänomen Einbruch: Weit schlimmer als der materielle Verlust sind oft die psychischen Schäden der Opfer. Doch obwohl die Einbruchzahlen im Rhein-Main-Gebiet steigen, nimmt kaum jemand Hilfe in Anspruch. Von Dirk Beutel

Als Sarah Friedmann (Name geändert) ein ungewöhnliches Geräusch in ihrer Wohnung hört, ist es vier Uhr morgens. Es ist dunkel, alles schläft. Aber ein eigenartiges Quietschen lässt der Mutter zweier Kinder keine Ruhe. Sie geht der Sache auf den Grund und wird von einem großen Mann, der aus ihrem Badezimmer schleicht, überrascht. Der Eindringling schnappt sich ihre Handtasche, den Aktenkoffer ihres Mannes, eine Lederjacke und ihren Schmuck. „Zum Glück hat er nichts durchwühlt“, sagt Friedmann. Ein Ekel-Gefühl schleicht der Frankfurterin erst Stunden später den Rücken hoch: „Wegen der Katze ist die Schlafzimmertür einen Spalt auf. Es wäre möglich, dass er uns noch im Schlaf beobachtet hat.“

Nach dem Einbruch war wochenlang nichts mehr wie vorher: Der Einbrecher klaute nicht nur Wertgegenstände, er hat der Familie das Gefühl von Sicherheit gestohlen. „Wir konnten nicht mehr schlafen, wurden von jedem Geräusch aufgeschreckt. Wir hatten Angst in den eigenen vier Wänden.“ Die Versicherung erstattete den materiellen Schaden. Die Polizei gab Tipps, wie und wo die Wohnung besser gesichert werden kann. Doch die Risse in der Seele blieben vorerst. Es gab keine Vermittlung zu einer Beratungsstelle. Und die Krankenkasse konnte erst in ein paar Monaten einen Therapie-Platz organisieren.

Ein Einbruch schlägt jedem auf die Seele

Wem so etwas passiert, bei dem ist eine Lebensillusion geplatzt“, sagt Karin Wagner. Sie ist Beraterin im Trauma- und Opferzentrum, Zeil 81,  in Frankfurt, das es seit 2001 gibt. Dort versuchen die Mitarbeiter die angeknackste Seele der Opfer von Straftaten wieder aufzurichten. „Bei solchen Betroffenen wurde die Seele geschnitten. Viele fühlen sich hilflos“, sagt Wagner. Doch von den etwa 600 Fällen, die im Schnitt pro Jahr behandelt werden, stammen nur fünf Prozent aus Wohnungseinbrüchen. Dabei verzeichnet die Polizei im Rhein-Main-Gebiet immer mehr Fälle. Alfred Huber, Außenstellenleiter des Weißen Rings für Stadt und Kreis Offenbach und Frankfurt-Süd, warnt: „Es ist schlimm, was Einbrecher nebenbei anrichten. Das trifft jeden.“

Viele Opfer kämen mit so einem Trauma selbst klar. Doch gebe es eine nicht unerhebliche Gruppe, bei denen schnelle therapeutische Hilfe nötig wäre. Doch entweder kam es nie zu einer Vermittlung oder die Hilfe kommt zu spät. Deshalb plädiert Huber für eine routinemäßige Vermittlung zu Hilfsorganisationen wie dem Weißen Ring. „Ein Flyer würde reichen.“ Dann könnten Folgen wie Angstzustände im eigenen Zuhause sich nicht so leicht in den Köpfen der Opfer einbrennen. Wie etwa bei Sarah Friedmann: „Noch heute sehe ich manchmal im Dunkeln die Silhouette des Einbrechers vor mir.“

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