Politik in Dieburg stellt sich stur

Drei Stunden im Schulbus: Behinderte Kinder leiden unter Sparzwang

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Müde, aber trotz der nervigen Schulbus-Situation ein Lächeln auf den Lippen: Marius Hermann.

Dieburg – Der Kreis Darmstadt-Dieburg muss sparen. Darunter leiden derzeit besonders behinderte Kinder, die dadurch eine wahre Schulbus-Odyssee durchmachen müssen. Helfen würde eine weitere Schulbus-Tour. Doch mit dem Verweis auf die Haushaltskonsolidierung stellt sich die Politik stur. Von Jens Dörr

Dank der derzeitigen Schulbus-Situation ist die Nacht für Simone und Marius Hermann montags früh zu Ende. Um 4.30 Uhr stehen die alleinerziehende Mutter und ihr Sohn auf. Der Zwölfjährige sitzt im Rollstuhl und leidet an einer neurodegenerativen Erkrankung. Schlimmer trifft es da nur drei Kinder und ihre Angehörigen aus Eppertshausen, Babenhausen und Groß-Umstadt, die bereits zwischen 3.30 und vier Uhr zu Wochenbeginn aufstehen müssen. Die vier Schülerinnen und Schüler gehen unter der Woche auf die Edith-Stein- sowie die Joseph-Briefs-Schule in Hochheim, eine Berufs- sowie eine Förderschule für Kinder und Jugendliche mit körperlicher Behinderung. Gefahren werden sie von einem Biebesheimer Busunternehmen, das der Landkreis Darmstadt-Dieburg beauftragt hat. Weil der Kreis für den Haushalt sparen will und die ehemals zwei Schulbusse im Herbst 2014 auf einen reduziert hat, kommen auf die Kinder seither große Strapazen zu.

Um 4.30 Uhr aufstehen

„Bis vergangenes Jahr war es noch okay“, sagt Simone Hermann. „Da wurde Marius um 6.30 Uhr abgeholt, bei einem Schulbeginn um 8.25 Uhr.“ Nun muss er rund eine Stunde früher auf der Matte stehen, während der erste, in Eppertshausen wohnende Schüler bereits um 4.45 Uhr in den Bus einsteigt. Gegen acht Uhr, wenn sich das morgendliche Verkehrschaos in Grenzen hält, kommen die sechs Kinder in den beiden zusammengefassten Schulen in Hochheim an. „Marius geht wegen seiner aufwändigen Pflege ins Internat nach Hochheim“, erläutert seine Mutter. Er kann nicht in eine der ortsansässigen Schulen in Dieburg oder naher Umgebung gehen. In Hochheim lernt und lebt Marius bis freitagnachmittags.

Das Problem: Die ersten abgeholten Kinder sitzen jeden Montag also drei Stunden lang im Bus, ehe sie in der Schule ankommen. „Im Bus sitzt nur der Fahrer, keine weitere Begleitperson“, sagt Simone Hermann. Eine professionelle Betreuung der Kinder und Jugendlichen finde nicht statt. „Marius erhält sein Essen über eine Sonde, muss alle zwei Stunden sondiert werden. Das ist mit dieser Fahrtzeit aber ein Problem.“ Darüber hinaus komme er völlig übermüdet in der Schule an. Und dies zeige sich nicht nur am Montag.

Zu teuer: Kein zweiter Schulbus

Deshalb appellierte schon zu Jahresbeginn die Joseph-Briefs-Schule zusammen mit den Eltern an den Landkreis Darmstadt-Dieburg: „Die Situation ist nicht tragbar. Durch die lange Fahrtzeit und die damit verbundenen Störungen in den Tagesabläufen ist die Aufnahmefähigkeit der Kinder für schulische Inhalte stark beeinträchtigt.“ Die Situation führe dazu, dass die Kinder unverschuldet in ihrer Entwicklung gehemmt würden. Für den Kreis antwortete die Grüne Christel Fleischmann: „Der Schulträger entscheidet unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit und unter Beachtung der Interessen des Gesamtverkehrs.“ Die Routen seien bereits optimiert worden, die Fahrtzeiten ergäben sich aus der Distanz zwischen Wohn- und Schulort. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Haushaltskonsolidierung ist es nicht möglich, die Beförderung in zwei Touren zu organisieren“, so Fleischmann. Die jährlichen Beförderungskosten in Höhe von 32.300 Euro würden sich verdoppeln. Entsprechend werde man vorerst keine weitere Tour planen.

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