Diese Glasscherbe trieb ihn in die Armut

Von Axel GrysczykMühlheim - Erst wurde er krank, dann verlor er seinen Job, anschließend seine Kranken-Versicherung. Jetzt sitzt Marco Zimmermann zu Hause und weiß nicht mehr weiter. Seit rund einem Jahr wartet der 29-Jährige auf die Ausbezahlung seines Krankengeldes.

Und das alles, weil er im November 2006 in eine Glasscherbe gefallen ist.

Eigentlich sei er nur beim Überqueren der Straße in Mühlheim ausgerutscht. Dabei so unglücklich gefallen, dass sich Marco Zimmermann an der Pulsader-Region eine tiefe Schnittwunde zugezogen hat.

Zimmermann wird krank geschrieben. Der Heilungsverlauf verzögert sich. Denn er klagt über Taubheitsgefühle in der Hand, weil einige Nerven in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Da der Industriemechaniker länger als sechs Wochen krank ist, bekommt er im Anschluss Krankengeld. Zimmermann: "Es war der Wahnsinn: Ich habe Tassen abgespült und plötzlich fällt mir eine runter, weil ich kein Gefühl mehr in der Hand hatte. So konnte ich nicht zur Arbeit gehen."

Der 4. April 2007 sollte dann sein Leben verändern. Zu diesem Datum wird er aufgefordert, den Medizinischen Dienst aufzusuchen, damit von unabhängiger Stelle festgestellt wird, ob er wirklich arbeitsunfähig ist. Zimmermann versichert, das Schreiben mit der Aufforderung nie bekommen zu haben. In der Zwischenzeit hat er sogar eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Seine Unterschrift versichert: "Ich habe diesen Brief nie bekommen!"

Das hat Folgen. Am 23. April 2007 wird ihm von seiner Krankenkasse, der Taunus BKK, mitgeteilt, dass er kein Krankengeld mehr bekommt, weil er sich nicht untersuchen lässt. "Es hat nur dieses eine angebliche Schreiben gegeben. Danach war sofort Schluss. Das kann doch nicht sein."

Dem widerspricht Kathrin Picke, Pressereferentin der Taunus BKK. "Es hat mehrere Schreiben an Herrn Zimmermann gegeben. Doch wir haben nie etwas von ihm gehört. Daraufhin mussten wir reagieren."

Fakt ist: Seit Anfang Mai 2007 erhält Zimmermann kein Krankengeld mehr, gilt somit als gesund. Daraufhin reagiert sein Arbeitgeber. Er fehle unentschuldigt an der Arbeit und das ist ein Kündigungsgrund. Zimmermann verliert seinen Job. Er wird bei der Krankenkasse abgemeldet und ist dadurch auch seine Krankenkassen-Zugehörigkeit los. Zimmermann legt den kompletten Fall durch das soziale Netz hin. "Die Agentur für Arbeit hat mir gesagt, dass ich nicht vermittelbar bin, weil ich krank bin. Hartz IV bekomme ich nicht, weil ich ja vorher gar nicht arbeitslos war. Das kann doch alles nicht sein", sagt er.

Von da an beginnt er zu klagen. Und feiert zunächst Erfolge. Der Arbeitgeber nimmt seine Kündigung zurück.

Dann gehtâ??s vor das Sozialgericht. Am 30. Juli legt er Widerspruch gegen die Regelungen der Taunus BKK ein. Bis heute gibtâ??s kein Urteil. Sein Anwalt Hans-Peter Brinkmann: "Ich weiß auch nicht, warum dieser Fall immer noch nicht entschieden ist. Natürlich geht es darum, dass Herrn Zimmermann für rund ein Jahr Krankengeld zusteht. Das können bis zu 90 Prozent seines letzten Netto-Gehaltes sein."

Brinkmann und die Taunus BKK apellieren an Zimmermann, sich jedoch sofort zu versichern. Es könne nicht sein, dass er überhaupt nicht versichert ist. Das weiß auch Zimmermann: "Meine Hand fühlt sich schon viel besser an. Aber ich kann ja gar nicht mehr zum Arzt gehen, weil ich die Rechnungen nicht bezahlen kann." Überhaupt werde das Geld langsam knapp: Das Ersparte ist aufgezehrt.

Für die Taunus BKK trifft Zimmermann eine Mitschuld. Picke: "Wir können nicht verstehen, dass er sich nie mit uns in Verbindung gesetzt hat. Die Umstände haben viele Maßnahmen zur Folge gehabt, aber er hat sich nie persönlich bei uns gemeldet und mit uns das Vorgehen besprochen."

Jetzt müssen die Gerichte entscheiden.

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