Diabetiker kämpfen um Insulin-Analoga

Von Norman KörtgeRegion Rhein-Main - Frank Ulrich und Claudia Ritter sind eigentlich ruhige, gelassene Menschen. Doch spricht man mit beiden über Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen - insbesondere bei Diabetikern - dann platzt ihnen der Kragen. Es geht um Insulin-Analoga.

Die Offenbacherin und der Egelsbacher kämpfen auf ihre Weise dafür, dass die Lebensqualität von acht Millionen Diabetikern in Deutschland nicht schlechter wird und sie weiterhin von moderner Medizin profitieren können.

Franziska, die neunjährige Tochter von Claudia Ritter, ist seit ihrem zweiten Lebensjahr Diabetikerin: Typ I. Ihr Körper produziert nicht das lebensnotwendig Insulin. Seither heißt es für die Mutter, mehrmals täglich den Blutzuckerspiegel messen und Insulin zu spritzen.

Ein Segen ist dabei das Insulin-Analoga. Denn im Gegensatz zum so genannten Human-Insulin, setzt die Wirkung beim Analoga viel schneller ein. Der Spritz-Ess-Abstand wird dadurch erheblich verkürzt. Während man das Human-Insulin bis zu 45 Minuten vor dem Essen spritzen muss, damit der Blutzuckerspiegel gesenkt wird, kann das kurz wirksame Analoga direkt vor dem Essen, während der Mahlzeit oder sogar danach gespritzt werden.

"Dadurch wird das Leben nicht nur flexibler, sondern vor allem auch lebenswerter", erzählt Ritter. Als Beispiel nennt sie das Familienleben. So könnte ohne Probleme zusammen gegessen werden, ohne das man aufeinander warten muss. Und wenn sich Franziska vielleicht schon bald selber Insulin spritzt, dann kann sie auch den Schokokuss in der Schulklasse sofort mit ihren Freundinnen essen - und muss ihn nicht mehr einpacken und mit nach Hause nehmen. So geht es vielen Diabetiker-Typ I-Kindern.

Der einzige "Nachteil" von Insulin-Analoga: Es ist teurer. Und deshalb will der Gemeinsame Bundesausschuss der Krankenkassen (GBA) einem Gutachten des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) folgen und das Analoga auf den Index setzten. Das heißt: Es wäre nicht mehr über ein Rezept erhältlich. Enorme Mehrkosten wären die Folge.

"Da sitzen nur Theoretiker drin, die keine Ahnung von der Wirklichkeit haben", erzürnt sich Ritter. Erbost ist sie auch darüber, dass da wohl keiner an die Folgeschäden denkt: "Wenn ich meinem Kind jetzt nicht mit modernen Mitteln helfen kann, wird es in 20 Jahren viel teurer, die Gesundheitsschäden zu lindern."

Auch Frank Ulrich vom Deutschen Diabetikerbund, Bezirksgruppe Offenbach, ist auf IQWiG und GBA nicht gut zu sprechen. "Sollte es das Insulin-Analoga nicht mehr auf Rezept geben, wäre dies ein Verstoß gegen die Menschenwürde", sagt der 64-Jährige. Er würde vor das Verfassungsgericht gehen.

Ulrich selbst ist Typ II-Diabetiker, so wie meisten. Auch hier sollte das teurere Analog-Insulin nicht mehr auf Rezept geben. Doch es gab einen wahren Proteststurm. Schließlich schlossen Pharmaunternehmen mit den Krankenkassen Rabattverträge ab. Das Problem war gelöst.

Ob es bei den Typ-I-Diabetikern ähnlich läuft, ist fraglich. Der Offenbacher Diabetologe Dr. Christian Klepzig ist skeptisch. Er befürchtet, dass die GBA-Funktionäre "auf dem Boden der völlig untauglichen Begutachtung durch das IQWiG einen Verordnungsausschluss erlassen werden solange Mehrkosten entstehen." Dies wäre aber ein Verstoß gegen das Sozialgesetzbuch, das die Einhaltung internationaler Standards verlangt. In Sachen Insulin-Analoga ist das der Fall, meint Klepzig: "Leidtragende sind wie fast immer die Patienten. Und hier speziell diesmal die Kinder."

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