Deutsche Analphabeten blechen, Zuwanderer bekommen‘s bezahlt

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Wollen nicht länger Analphabeten sein: Roswitha Vogel (links) und ihre Kurs-Kollegin Claudia Vogel (lange Haare) lernen gerade bei VHS-Lehrerin Ines Wilhelmi Lesen und Schreiben.

Frankfurt – 60.000 Frankfurter sind laut einer aktuellen Studie Analphabeten, die meisten sind Deutsche. An der Volkshochschule können sie Lesen und Schreiben lernen. Während Frankfurter Analphabeten ihre Kurse selbst finanzieren müssen, bekommen Zuwanderer bis zu 1200 Unterrichtsstunden bezahlt. Von Christian Reinartz

„Für viele von uns ist das einfach zu teuer“, sagt Analphabetin Roswitha Vogel: „Ich bekomme den Kurs Gott sei Dank von der Behörde bezahlt, sonst könnte ich mir das nicht leisten.“ Mittlerweile kann die 54-jährige Frankfurterin lesen und schreiben. „Und es wird immer besser“, sagt sie. Das Problem für viele Analphabeten, laut Vogel: „Die Hürde, zuzugeben, das man nicht lesen und schreiben kann, ist unglaublich hoch.“ Wer dann auch noch Geldsorgen habe, würde einen Alphabetisierungskurs gar nicht erst in Betracht ziehen, ist sie sich sicher. Auch Kurskollegin Claudia Vogel, ebenfalls Analphabetin, ist überzeugt, dass viele Betroffene einen Kurs anfangen würden, wenn der Staat diesen finanzieren würde.

Währenddessen haben zugewanderte Analphabeten in Sachen VHS-Kurs erstmal keine Sorgen. Bis zu 1200 Unterrichtsstunden finanziert der Bund den Migranten. Doch das Komplett-Paket, das seit 2005 jeder ausländische Analphabet verordnet bekommt, reicht oft nicht.„Eigentlich bräuchten wir viel mehr Zeit, um den Menschen das beizubringen“, erklärt die Direktorin der Frankfurter Volkshochschule (VHS), Barbara Çakir-Wahl: „In der Grundschule haben die Kinder mehr Stunden und sind dazu lernfähiger.“

Kursgebühren auf Antrag übernehmen

Ingrid Rygulla und Vecih Yasaner kümmern sich um Analphabeten.

Während die Zuwanderer aber immerhin einen ordentlichen Einstieg ins Alphabet finanziert bekommen, müssen die einheimische Analphabeten zahlen. Immerhin könnten die Arbeitsagenturen die Kursgebühren auf Antrag für ihre Kunden übernehmen, so Ingrid Rygulla. Sie ist bei der VHS für die deutschsprachigen Analphabeten zuständig, ihr Kollege Vecih Yasaner kümmert sich um die Migranten. „Aber nicht jeder ist eben arbeitslos.“ Im Klartext heißt das: Wer nicht gerade Hartz IV bezieht, muss etwa 100 Euro pro Kurs blechen. Pro Unterrichtsstunde sind das zwar nicht viel mehr als 1,25 Euro. Dazu kämen, so Rygulla, aber noch die hohen Fahrtkosten zur VHS.

Verantwortlich für die groteske Situation ist die Bundespolitik, die diese Ungerechtigkeit in ihrem Zuwanderungsgesetz beschlossen hat und dabei die deutschsprachigen Analphabeten offensichtlich vergessen hat. Beim hessischen Kultusministerium sieht man die Verantwortung mit der ohnehin fließenden Förderung an die Volkshochschulen abgegolten. Dass die in Frankfurt nur 500.000 von insgesamt fast neun Millionen Euro Budget ausmachen, erwähnt man nicht. Sprecher Horst Günter Herold: „In diesem Rahmen bestimmen die Volkshochschulen als kommunale Einrichtungen vor Ort selbst, welche Schwerpunkte sie bei der Verwendung von Fördermitteln setzen.“

Auslöffeln soll die Suppe demnach die VHS. Barbara Çakir-Wahl stellt klar: „Wir schicken hier nämlich niemanden weg, weil er kein Geld für einen Alphabetisierungskurs hat.“ Eine Einstellung, die sie und ihre Mitarbeiter vor finanzielle Probleme stellt. „Im Härtefall kann ich zwar jemanden komplett von den Kursgebühren befreien“, sagt Çakir-Wahl. Aber das ohnehin schon nicht kostendeckende Angebot der Volkshochschule wird dadurch noch mehr belastet. Die Direktorin wünscht sieht deshalb auch mehr Unterstützung durch das.„Mit 100.000 Euro mehr Budget könnten wir die Situation der Analphabeten entscheidend verbessern.“

Hilfe für Analphabeten

Wer Mut gefasst hat und Lesen und Schreiben lernen will, bekommt bei der Volkshochschule Hilfe. Deutschsprachige wenden sich an: Ingrid Rygulla unter S (069) 21234380, Nicht-Deutschsprachige an Vecih Yasaner unter S (069) 21239830. Allgemeine Beratung ohne Anmeldung findet jeden Mittwochnachmittag von 13 bis 17 Uhr in der VHS, Sonnemannstraße 13, statt. Deutschsprachige: Raum 67, Nicht-Deutschsprachige: Raum 15.

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