Er leidet noch immer unter der DDR

+
Detlev Bloß sitzt auf dem Krankenbett im Bürgerhospital. Das ablehnende Urteil des Gerichts zu einem Antrag auf Opferentschädigung hält er in den Händen.

Frankfurt – Morgen feiert Deutschland 20 Jahre Mauerfall. Es ist der Anfang vom Ende des DDR-Unrechtsstaates unter dem Millionen Menschen gelitten haben. Detlev Bloß aus Niederrad leidet noch immer: Unter der DDR-Haft als politisch Gefangener, der Epilepsie als Folge eines Schlagstock-Schlages eines Volkspolizisten und der Situation, dass er bis heute um Entschädigung kämpfen muss. Von Axel Grysczyk

Zum achten Mal in den vergangenen drei Jahren haben Detlev Bloß seine epileptischen Anfälle zu einem Klinikaufenthalt gezwungen. Diesmal wird er im Bürgerhospital im Nordend behandelt. Wenn er seine Geschichte erzählt, wirkt er klar und strukturiert, fast besonnen. Nur wenn er das Unrecht im Detail erklärt, verfällt er in einen weinerlichen Ton und schlägt die Hände vor das Gesicht. Dann wird klar: Auf dem Krankenbett im Bürgerhospital sitzt ein gebrochener Mann.

Gebrochen hat ihn ein sonniger Juni-Tag, der 5. Juni 1978. Zusammen mit 30 anderen evangelischen Christen verteilt Bloß Broschüren und Handzettel im Zentrum seiner Heimatstadt Weimar. Sie fordern Predigt- und Meinungsfreiheit.

Plötzlich tauchen zwei Polizeibusse auf. Die Vopos lösen das Treiben auf, gehen dazwischen und führen die Demonstrierer ab. Bloß: „Ich habe mich nicht gewehrt. Aber plötzlich schlug mir ein Vopo von hinten mit dem Schlagstock auf den Kopf.“

Wegen unerlaubter Demonstration, Widerstand gegen staatliche Maßnahmen, Beleidigung und Staatsverleumdung landet der heute 53-Jährige nach einem Klinikaufenthalt im Knast. Das Verfahren wird im Gefängnis abgehalten. „Sie riefen Zeugen auf, die nicht dabei waren. Selbst Mitglieder des Rats der Stadt wurden in den Zeugenstand gerufen“, erzählt er – mit weinerlicher Stimme.

Das Urteil wird ihn zunächst ausgehändigt, später aber einkassiert. Der Knast wird zur Hölle: Einzelzelle mit freibleibenden Nachbarzellen, mit Blenden versehene Fenster und dünne Suppen.

Die Wende kommt am 12. Dezember 1978. Stasi-Mitarbeiter überreichen ihm eine Entlassungsurkunde aus der DDR-Staatsbürgerschaft. Bloß: „Sie teilten mir mit, dass ich ein lebenlang zur unerwünschten Person in der DDR erklärt bin.“

Es dauert bis zum 2. Februar 1979. Dann wird Bloß nach Gerstungen gebracht. Er darf in den Westen. „Mit einem Wartburg haben sie mich zur Grenze gefahren. Ich ahnte zwar, was passieren würde, aber gesagt haben sie mir nichts“, sagt Bloß. Auf der einen Seite sei er erleichtert gewesen, auf der anderen Seite fühlt er den Verlust: Zehn Jahre wird er nicht mehr seine Heimat und vor allem nicht mehr seine Schwester und seinen Vater sehen. Mitnehmen durfte er nichts. Das Allerletzte was er in der DDR tut: Er raucht im Auto mit Stasi-Offizieren eine Karo-Zigarette.

Dann beginnt sein Martyrium: Immer wieder Schmerzen, später epileptische Anfälle. Mit Schaum vor dem Mund fällt er bei solchen Anfällen um. Zwar hangelt er sich mit Jobs als Krankenpfleger und Bürokraft durch, aber 2006 ist Schluss. Er kann nicht mehr. Ärzte an der Rheinischen Landesklinik in Bonn bestätigen: Er hat die Anfälle aufgrund des Schlags auf den Kopf bei der Festnahme 1978. Bis heute weist eine Zehn-Zentimeter-Narbe auf seinem Kopf auf das DDR-Unrecht hin.

Heute kämpft er um Entschädigung. Im Mai 2009 hat das Amtsgericht Frankfurt seine Forderung nach einer Opferrente abgewiesen. Derzeit bemüht er das Bundesverfassungsgericht um seinen Fall. Ausgang: Offen. Bloß: „Die Gerichte gehen davon aus, dass ich nur bis Dezember 1978 im Knast gesessen habe. Dann wäre ich keine sechs Monate in Haft gewesen. Als politisch Gefangener muss man aber sechs Monate gesessen haben.“ Damit ist Bloß nach deutschem Recht kein politisch Gefangener und bekommt daher nicht die 250 Euro monatliche Opferrente.

Bloß ist enttäuscht. Weil er das Urteil nicht besitzt, kann er viele Fragen nicht klären. Er hegt keinen Groll gegen den Mann, der ihn so verletzt oder den Staat, der ihn so unterdrückt hat. „Dass Leute wie Markus Wolf oder Erich Honecker nie büßen mussten, das werde ich nie verstehen“, sagt er zum Schluss. Seine Stimme bricht ihm dabei.

Er leidet noch immer

                            unter der DDR

Kommentare