Demenzkranke soll auf die Straße, weil sie sich nicht erinnern kann

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Annemarie Hildebrands Tochter Hiltrud Lahrem klagt an: „Die wollen doch nur warten, bis meine Mutter stirbt.“

Region Rhein-Main – Der Landeswohlfahrtsverband weigert sich, die Heimunterbringung einer demenzkranken Seligenstädterin zu zahlen. Weil die 90-Jährige nicht nachweisen kann, was sie ihren Enkeln in den vergangenen fünf Jahren geschenkt hat. Jetzt steht sie vor der Obdachlosigkeit. Von Christian Reinartz

Die demenzkranke Annemarie Hildebrand ist seit Monaten mit ihren Heimkosten im Rückstand. Der Landeswohlfahrtsverband will nicht zahlen.

20.000 Euro. Das ist der Betrag den Annemarie Hildebrand vor knapp fünf Jahren erhalten hat. Weil sie ihr Nießbrauch-Recht an einem Haus abgetreten hat. Fünf Jahre später ist nichts mehr übrig. Hildebrand hat für etwa 4000 Euro Möbel gekauft. Der Rest ist für Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke der Enkel draufgegangen. Und zuletzt auch für die Unterbringungskosten im Pflegeheim. Denn Hildebrands schmale Kriegerwitwenrente reicht nicht für das sowieso schon günstige Seniorenheim. Es bleibt eine monatliche Differenz von knapp 500 Euro.

Als ihr im Januar das Geld ausgeht, wendet sich ihre Tochter als Vormund verzweifelt an den Kreis Offenbach. Der lehnt die Zuständigkeit ab, verweist auf den Landeswohlfahrtsverband, der für die Versorgung der Kriegerwitwen verantwortlich ist.

Da begann dann der Spießrutenlauf“, klagt Tochter Hiltrud Lahrem an. „Die unterstellen meiner Mutter, dass sie die 20.000 zur Seite gelegt hat. Es sei denn, sie könnte für jeden Euro Belege vorzeigen.“ Lahrem selbst lebt am Existenzminimum. Auch die anderen Kinder können für die Mutter nicht zahlen. Dazu musste Annemarie Hildebrand wegen Diabetes jetzt auch noch ein Unterschenkel amputiert werden. Lahrem: „Da steigen die Kosten für die Pflege ja noch einmal.“

Verband versteckt sich hinter dem Gesetz

Doch das zählt beim Landeswohlfahrtverband nicht. Sprecher Jörg Daniel: „Wir müssen prüfen, ob ein Vermögensverbrauch angemessen ist, oder ob durch Schenkungen, Rückforderungsansprüche bestehen.“ Heißt im Klartext: Die 20.000 Euro werden einfach als existierendes Vermögen angerechnet, weil keine Belege vorliegen. Die von Lahrem eingereichten Kontoauszüge der vergangenen fünf Jahre reichen als Beweis nicht aus. Der Verband beabsichtigt, den Antrag abzulehnen, heißt es in einer Mitteilung. Lahrem ist verzweifelt, weiß nicht weiter: „Meine Mutter ist dement. Sie kann doch jetzt nicht mehr beweisen, was sie wann als Geburtstagsgeschenk gekauft hat. Die wollen doch nur warten, bis meine Mutter stirbt.“

Jörg Daniel versteckt sich hinter dem Gesetz: „Grundsätzlich können laufende Leistungen zur Pflege gewährt werden, wenn eine Bedürftigkeit vorliegt. Da diese Leistungen aus Steuermitteln bestritten werden, müssen wir prüfen, ob Einkommen oder Vermögen vorhanden ist. Diese müssen dann vorrangig eingesetzt werden.“Dass die 90-Jährige seit Monaten mit ihren Pflegeheimkosten im Rückstand ist, faktisch nichts besitzt und vor der Obdachlosigkeit steht, kümmert den Verband nicht. Jörg Daniel: „Die Verantwortung dafür liegt nicht bei uns.“

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