Mariana Petruta bleibt auf dem Schaden sitzen, den eine Heimbewohnerin anrichtete

Wenn Demenzkranke demolieren

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Die Tür schließt nicht mehr richtig. Mariana Petruta zeigt, wie weit die demenzkranke Frau die Scheibe der Fahrertür verbiegen konnte.

Seligenstadt – Mariana Petruta versteht die Welt nicht mehr. Eine demenzkranke Frau verursachte an ihrem Wagen einen Schaden von über 3000 Euro, den aber niemand ersetzen will. Auch mit einer Schadensersatzklage ist sie gescheitert. Von Dirk Beutel 

Mariana Petruta ist fassungslos. Das Auto ihres Mannes, mit dem sie zur Arbeit fährt, wurde von einer demenzkranken Frau, die ohne Aufsicht ihr Pflegeheim im Kreis Offenbach verlassen hatte, ordentlich ramponiert. Offenbar versuchte die Heimbewohnerin eine ganze Weile, in das für sie fremde Auto einzusteigen. Dabei kam es zu Beulen und Kratzern an der Fahrertür und am Kotflügel. Außerdem wurde die Türscheibe verbogen. Laut Schätzung einer Werkstatt entstand ein Schaden in Höhe von über 3000 Euro. Ein Schaden, von dem die Froschhausenerin hoffte, dass das Pflegeheim ihn übernehmen würde. „Nur wenig später, als ich den Kostenvoranschlag vorgelegt hatte, sagte man mir, dass die Einrichtung nicht für den Schaden aufkommen werde“, sagt Petruta, die daraufhin die Hilfe eines Anwalts in Anspruch nahm. Petrutas Vorwurf: Das Pflegeheim habe seine Aufsichtspflicht verletzt. Denn bei der Demenzkranken handelte es sich offenbar um eine weglaufgefährdete Bewohnerin.

Doch allem Anschein nach, wird die 44-Jährige auf den Kosten sitzenbleiben. Die Versicherung des Pflegeheims wehrte bisher alle juristischen Forderungen erfolgreich ab. Sogar das zuständige Amtsgericht äußerte bereits Bedenken bezüglich der Erfolgschancen. Petruta ist wie vor den Kopf gestoßen: „Das ist doch keine Gerechtigkeit. Was ist, wenn wieder Mal so etwas passiert, oder gar Menschen zu Schaden kommen. Wer haftet dafür?“ Bärbel Schönhof, Rechtsanwältin und zweite Vorsitzende der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft kennt die Antwort: „Demenzkranke sind in vielen Fällen nicht in der Lage einzusehen, dass sie unrechtmäßig handeln. Deshalb können sie für ihr Handeln nicht verantwortlich gemacht werden.“ Auch mit der Aufsichtspflicht sei das so eine Sache. Festhalten oder Einsperren dürfe man diese Bewohner nicht, auch wenn Demenzkranke orientierungslos und verwirrt umherlaufen oder ihre Pflegeeinrichtung verlassen. „Das wäre eine freiheitsentziehende Maßnahme und ist gesetzlich verboten. Das gilt genauso für Bettgitter oder sedierende Medikamente, wenn sie den Freiheitsdrang des Demenzkranken einschränken“, sagt Schönhof. Nur ein Richter dürfe dieses Freiheitsrecht einschränken.

Meist bleiben die Geschädigten auf ihren Kosten sitzen

Bei gesunden Menschen ist der Fall klar“, sagt Thorsten Rudnik, Sprecher vom Bund der Versicherten. „Fügt ein Mensch einem anderen Schaden zu, springt in der Regel die Haftpflichtversicherung ein.“ Bei Demenzkranken sieht die Sache anders aus: „Denn niemand kann für etwas belangt werden, wenn seine Schuldfähigkeit eingeschränkt ist.“ In Fachkreisen spricht man von einer Deliktunfähigkeit, ähnlich wie bei Kindern unter sieben Jahren. Weil es sich aber bei einer Demenz um einen schleichenden Prozess handelt, wird jeder Fall einzeln betrachtet. Denn auch Demenzkranke können sogenannte lichte Momente haben. Demnach muss geprüft werden, ob der Schaden in so einem Moment verursacht wurde oder nicht. „Doch das ist in der Praxis sehr schwer festzustellen“, sagt Rudnik. Er weiß: In der Regel bleiben die Geschädigten auf ihren Kosten sitzen.

Da hat sie leider Pech gehabt“, sagt Katrin Rüter vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. „Das Risiko trägt in diesem Fall die Allgemeinheit. Hier würde eine Kfz-Vollkaskoversicherung den Schaden abdecken.“ Es käme aber durchaus vor, dass sich die Angehörigen verpflichten fühlen und für den Schaden aufkämen – obwohl kein Rechtsanspruch besteht.

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