Christine lässt sich schon bald das letzte Stück Paul wegschnippeln

Offenbach/Bensheim - Im April 1957 erblickte Paul Grünebaum im Münsterland das Licht der Welt. Vergangenes Jahr feierte er seinen 50. Geburtstag. Der 51. wird unter ganz anderen Vorzeichen stattfinden. Denn Paul heißt schon seit Mai 2007 Christine. Von Norman Körtge

Und bald lässt sie sich auch das letzte Stück „Paul“ wegoperieren. Dann wird sie sich zum ersten Mal richtig als Frau fühlen können. Der Weg dahin war und ist nicht einfach. Die blinde Offenbacher Künstlerin Löweline hat darüber ein Lied geschrieben und gesungen.

Blind - das ist der Grund, warum sich die beiden Frauen überhaupt begegnet sind.

Denn die in Bensheim lebende Grünebaum hat vor einem Jahr unwiederbringlich ihr Augenlicht verloren. Bereits als Baby war sie zweimal an den Augen operiert worden. „Die Sehkraft hat aber nie mehr als 25 Prozent betragen“, erzählt Grünebaum. Zum Fahrradfahren hat es noch gereicht. Ab dem 18. Lebensjahr wurde es immer schlechter: Grüner Star. 1997 verlor sie dann das eine Auge, im vergangenen Jahr musste das zweite herausoperiert werden. „Ich war in gewisser Weise darauf vorbereitet, dass ich irgendwann komplett erblinde“, sagt sie.

Dass sie hingegen einmal wirklich eine Frau werden würde, war lange Zeit nicht klar. „Ich habe schon als Kind lieber mit Puppen gespielt. Und irgendwie habe ich mich da schon wie eine Christine gefühlt“, erzählt die 50-Jährige. Heimlich habe sie sich Säcke genommen und als Röcke benutzt. Die Begriffe Transsexualität oder Transidentität kannte sie damals nicht. Doch irgendwann fiel ihr das Buch „Von Walter zu Waltraud“ in die Hände. Da verstand sie, was in ihr vorging.

Coming-out

1982 zog sie nach Bensheim. 1984 heiratete sie als Paul eine Frau. „Ich wollte das alles überspielen. Ich bin als Mann geboren, also muss ich auch einer sein“, sagt sie heute: „Aber in mir hat es immer gebrodelt.“ Und dann hatte sie ihr erstes Coming-out. Die Ehe zerbrach. 1993 fand sie zunächst Anschluss an die Offenbacher Selbsthilfegruppe „Transidentitas“ und sie begann eine Psychotherapie in Frankfurt. Sie wollte auf das Frau-werden vorbereitet sein. Aber sie brach die Therapie ab, kam nicht klar.

Alles änderte sich 2005. „Ich hielt es nicht mehr aus“, erzählt Grünebaum. Hinzu kam die große Liebe: Elke. Mit der Frau lebt sie seitdem zusammen. „Ohne sie hätte ich das nicht durchgestanden.

Veränderungen zeigen Wirkung

Paul beantragt die Vornamenänderung. Zwei unabhängige psychologische Gutachten sind dafür nötig. Parallel dazu beginnt sie die Hormontherapie. Weibliche Hormone und Testosteron-Blocker. Sie zeigen Wirkung: „Der Busen ist echt“, sagt sie lachend. Und sie ist sensibler geworden. „Früher habe ich bei Liebesfilmen nie geweint.“ Die Stimme ist zwar ein heller geworden, aber eine Frauenstimme wird es nie werden.

Jetzt ist Christine Grünebaum, die halbtags beim Finanzamt in Bensheim arbeitet, bereit für den finalen Schnitt. Ihr Genitalbereich soll dem weiblichen Geschlecht angeglichen werden. Eine komplizierte Operation. Zirka acht Stunden lang. „Ich freue mich darauf“, berichtet sie. Das Operationsgutachten liegt vor. Es fehlt nur noch die Zustimmung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen zur Kostenübernahme. Denn die Transidentiät ist mittlerweile eine anerkannte Krankheit.

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